Vampire: Die Maskerade


Eine Welt der Dunkelheit
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 Betreff des Beitrags: Tempus fugit 1228 (Luisa)
BeitragVerfasst: So 21. Okt 2018, 21:46 
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Tempus fugit (1228)

Es brannte! Die Flammen des düsteren Feuers loderten hoch in ihren Adern. Das unheimliche Etwas, das sie seit ihrer Wandlung in sich verspürte, spie Feuer wie ein alptraumhafter Drache. Die Kainitin hörte das Rascheln, mit dem ihre Beine durch das hohe Gras pflügten, sie spürte die Wucht jedes einzelnen wütenden Schritts durch die dünnen ledernen Sohlen ihrer feinen Stiefel, sie roch die feuchte Nachtluft, die vom Main heraufstieg, ja, sie schmeckte mit ihren neuen, scharfen Sinnen sogar den winzigen Tropfen ihres eigenen Bluts, der über ihre kürzlich noch kirschroten, jetzt aber fahlen Lippen rann, wo ihre scharfen Zähne das untote Fleisch im Zorn zerbissen hatten. Doch sie nahm nichts von alledem bewusst wahr – mit Ausnahme dieses Geschmacks, der lockend und zugleich abstoßend war. Wärme versprach er, die Wärme lebender, junger Körper, die allein noch ihrem Leib – schön, erregend, aber dennoch kalt und tot – den schwachen Hauch von Leben verleihen konnten. Für eine kurze Zeit. Wie Brennmaterial für jenes Feuer, das ewig hungrig alles verschlingt und doch immer wieder nach kurzer Zeit zu verlöschen droht.

Dieser Geschmack quälte sie, lockte und narrte sie, wie sie es mit den Sterblichen tat. Gerade jetzt, wo der Zorn sie im Griff gehabt hatte, die Erregung, welche als Fluch auf dem Blut ihres Erzeugers lastete und so auch ihr weitergegeben worden war. Immer wenn die Welt wie hinter einem blutroten Schleier verborgen schien und das Blut in ihr aufwallte, kehrte der unstillbare Durst hernach mit doppelter, zehnfacher Stärke zurück, und sie sehnte sich danach, ihrem kalten Leib wieder den warmen Odem des Lebenssafts einzuhauchen. Die Brust Louisas, durch ein sinnreich geschnürtes Mieder Aufmerksamkeit heischend den Blicken ihrer sterblichen Beute dargeboten, hob sich unter tiefen Atemzügen. Nicht dass sie noch atmen hätte müssen, doch ihr Leib schien sich noch früherer Zeiten zu entsinnen, in denen sie stets heftig geatmet hatte, wenn sie diesen unbändigen Zorn verspürte. Zorn... was für ein schwaches Wort für die Regung, welche sie nunmehr in sich fühlte! Fauchend wie eine gereizte Katze raffte sie ihre Röcke an sich, trat mit einem energischen Sprung über eine flache Natursteinmauer von der grasbewachsenen Fläche auf die schmale Seitenstraße zwischen den einfachen Häusern am Fluss in Sichtweite des Schwanentors.

Sie warf einen Blick über das glitzernde Band des Stroms, starrte zur düsteren Silhouette der
Festung Marienberg auf der anderen Mainseite hinauf, wo die Herren über die Stadt und das Umland hausten – der sterbliche Fürstbischof wie auch der untote Herrscher über Würzburg, dessen tote, blinde Augen ihn nicht daran hinderten, die Kainiten seiner Domäne mithilfe seiner schwer durchschaubaren Kräfte unter einer steten, bedrückenden Beobachtung zu halten. Die junge Frau riss mit einem Mal am Ausschnitt ihrer Bluse, glaubte ersticken zu müssen unter dem gesichtslosen Blick des alten Toreador, den sie überall um sich her zu fühlen meinte. Sie ahnte, nein, sie wusste, dass auch der Streit mit ihrem Erzeuger dem Prinzen sehr schnell bekannt werden würde, wie alles und jedes, das sich in dieser Stadt tat. Und sie musste hier heraus! Sie wollte nichts mehr hören oder sehen von Prinz, Ahn und all den anderen, die sie in ein enges Korsett von Regeln und Vorschriften zu pressen versuchten! Jawohl: "Raus hier..!" flüsterte sie und realisierte mit einem Mal, dass es genau das war, was sie zu tun hatte: heraus aus Würzburg! Fliehen, dem eisernen Griff der älteren Kainiten entgehen, ihre Wut vergessen, indem sie sich in all die sinnlichen Genüsse stürzte, die ihr neues Dasein ihr bot. Die Lust, die ihr das Herz wärmte, so es auch nicht mehr aus eigener Kraft schlug. Die jungen Männer, in deren Armen sie wohlige, erregende Hitze fand, in deren Adern das süße Blut ihrer harrte, welches das Feuer in ihrer Brust nährte und das Biest für eine Weile im Zaum zu halten vermochte...

Ein zitternder Seufzer entrang sich ihrer Brust. Sie wischte sich mit einer fahrigen Bewegung über die Augen, suchte die Erregung niederzukämpfen. Denn eines, eines allein unter all den Wissensgebieten, in denen zu lernen ihr Meister von ihr forderte, beherrschte sie bereits recht gut: die Jagd auf die Sterblichen. Ihr Körper reagierte mittlerweile bereits instinktiv. Er wusste, was sie tun musste, um an den köstlichen Lebenssaft zu gelangen. Und so fuhren ihre Hände glättend über ihre Kleidung, drapierten das lange Haar unter der bürgerlich anmutenden Haube beinahe liebevoll, sinnlich-selbstverliebt um ihre wohlgerundeten, frivol bloßliegenden Schultern, rückten das Mieder zurecht. So wandelte sich auch ihr Gang von dem eiligen, wütenden Voranstürmen zu einem langsameren, herausfordernd lasziven Dahinschlendern, wiegte sie sich leicht in den Hüften, signalisierte mit ihrem gesamten Erscheinungsbild eine fast schon quälend spürbare Lockung. Ja, es wäre klüger, erst ihren Durst zu stillen, denn dann würde auch das Böse in ihr, das ihr zuweilen mehr Angst machte als alle Prinzen, Erzeuger und anderen Mächtigen dieser Welt, seine Augen schließen, betäubt vom Rausch des süßen roten Safts. Und sie würde wieder klar denken können. Klar genug, um sich zu überlegen, wie sie, das unerfahrene Kind, den Augen und den zugreifenden Händen jener Alten entgehen könnte, die anscheinend fast alles vermochten, was sie nur wollten. Es musste einen Weg geben, ihren Willen zu haben, ohne dass sie sie wieder an die Leine legten, und sie würde ihn finden!

Wenn sie erst einmal weit, weit weg wäre, würde sie sich einen ruhigen Ort suchen, an dem sie mit keinem anderen Untoten in Streit geraten würde und sich ganz dem neuen Gefühl von
Freiheit und dem Frönen ihrer Gelüste widmen könnte. Was kümmerten sie die politischen
Ränkespiele Gustav von Gütens, der sich unter den Kainiten bewegte wie sie unter Sterblichen, ein Fisch im Wasser? Was gingen sie die hehren Ideale an, die ihr Meister zu beschwören versuchte, die selbstgesteckten Ziele irgendwelcher uralten, verbitterten Männer, die anscheinend über den Foltern des Durstes standen oder auf geheimnisvolle Weise gelernt hatten, das Biest in ihrer Brust zu beherrschen? Wer wollte ihr das Recht aberkennen, zu sein, wozu sie gemacht worden war, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, solange sie nicht gegen die Gesetze der Untoten verstieß und Sterblichen ihre Existenz enthüllte? Was interessierte sie ein Hoftag, bei dem eine Frau generell und erst recht eine niederer Herkunft ohnehin nichts zu sagen hätte? Was bedeuteten ihr die Namen alter, verstaubter Vampire, die keine Freuden mehr zu kennen schienen außer der an Macht, an Intrigen und gegenseitigem Betrug?

Ihr Gang wurde katzenhaft, mit langsamen, schleichend anmutenden Schritten, die mit dem sinnlichen Wiegen in den Hüften zu den Bewegungen einer Kreatur verschmolzen, welche ihre Opfer mit einem Lächeln anlockt, sich harmlos und begehrenswert gibt, um sie in Sicherheit zu wiegen. Und als dieses Lächeln um ihre noch immer blassen Lippen spielte, funkelte in ihren Augen neben der Gier nach Blut auch schon wieder die Lust einer jungen, mutwillig-verspielten Katze an der Jagd...

Ihr Schritt fand von der vor Wochen abgegrasten Wiese alleine wieder auf die staubige Straße nach Süden zurück. Sie spürte gleichzeitig den Drang einfach fortzulaufen, wie ihrem Meister noch ein Mal all das bereits Gesagte erneut ins Gesicht zu schleudern und verlor sich in den Gedanken an das gestrige Gespräch. Noch immer war ihr Blut nicht abgekühlt. Sie musste weg…
Der mit einem Mal anschwellende Applaus in weiter Ferne riss sie aus ihren Gedanken. Sie lauschte den Geräuschen der Nacht, die so eindeutig von denen von ausgelassenen Festivitäten übertönt wurden, wie das Licht einer Fackel das des Mondes verblassen ließ. Sie vernahm Schwertgeklirre, das Wiehern von Pferden, aufdringliche Musik von Dudelsack, Drehleier und Flöten und die Laute von hunderten von Menschen. Nur einen Sekundenbruchteil musste sie sich konzentrieren und ihr war bewusst, dass die Geräusche des Hoftages waren, die zu ihr drangen. Einer der Stellvertreter des Kaisers, der sich derzeit auf Kreuzzug im Heiligen Land befand, tagte in Würzburg auf der Aue, die dem Marienberg am nächsten gelegen war, und wie meist wurden diese Ratsversammlungen mit Ritterturnieren, Schaukämpfen, Festessen und Spielen begleitet, die Adelige wie einfachstes Bürgertum gleichsam anzog. Und in ihrem Schlepptau reisten die dazu gehörigen Gaukler, Bettler, Huren und Beuteschneider. Selbst nachts war es dort so lebendig wie in einem Bienenstock. Es wäre ein perfekter Ort für die Jagd.
Als sie sich den Festzelten näherte, konnte sie bereits die Soldaten des Kaisers, Bischof Konrad von Metz unterstellt, erkennen. Schwer schepperten die extra auf Hochglanz polierten Rüstungen im Schein von Fackeln und Lagerfeuern. Einige kontrollierten die Passanten, die auf das eigentliche Festgelände drängten.

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Louisa hielt einen kurzen Moment inne. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie einen Mann, der lässig an eine Mauer gelehnt stand und sich bei ihrem Anblick abstieß. Er kam mit federndem Schritt auf sie zu und verharrte einen kurzen Moment vor ihr bevor er eine galante, aber kurze Verbeugung vollzog. „Ehrwürdiges Fräulein…“

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Bitte einen Wurf auf Erscheinungsbild und Etikette gegen 5. Danke

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"Alea iacta est." oder "Die Würfel sind gefallen." - Lateinisches Sprichwort


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 Betreff des Beitrags:
Verfasst: So 21. Okt 2018, 21:46 


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 Betreff des Beitrags: Re: Tempus fugit 1228 (Luisa)
BeitragVerfasst: Mo 22. Okt 2018, 19:57 
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Geräusche, Musik, Stimmen... sie zogen Lousia an wie ein Feuer eine Motte. Gelächter, Streitereien und alle möglichen Gespräche wiesen darauf hin, dass sich dort, nicht weit entfernt, viele Menschen aufhielten. Sie glaubte die Wärme beinahe schon auf ihrer eiskalten Haut zu spüren, die von den zahlreichen lebenden Körpern ausging. Körper, in denen der rote Lebenssaft pulsierte, der sie stärken und das Unheimliche besänftigen würde. Die junge Frau lenkte ihre Schritte zielstrebig auf das Spektakel zu, das ihre scharfen Ohren regelrecht heranholten, als stünden all die Kämpfer, die Schreier, Trinker, Possenreißer, die Scherzenden und Schäkernden, direkt vor ihr. Sie interessierte sich wenig für die Hintergründe des Hoftags: Politik, Ränkespiele, Verhandlungen – langweilig für ein Wesen, das noch so viel zu entdecken vor sich hatte in seiner neuen Welt. Sie verstand nicht, wozu ihr Meister sie immer und immer wieder anhielt, sich mit derlei zu beschäftigen, gelehrtes Wissen zu erwerben, die Machtspiele zu durchschauen, wo sie doch das Tun und Lassen der Sterblichen nicht mehr berührte? Doch... sie ahnte es dumpf, auch wenn sie es nicht in Worte fassen konnte. Da war etwas an seinen Worten, wann immer er in so erschreckendem Ernst von bedeutenden Dingen sprach, von dem großen Bild hinter allem, von der Verpflichtung, Entwicklungen zu fördern, andere zum Scheitern zu bringen, welche allein jene wahrnehmen konnten, denen Jahrhunderte dafür gegeben waren. Sie konnte es nicht in Worte fassen, war sie doch noch viel zu wenig gebildet dafür, das Gefühl aber auch nicht ableugnen: Er hatte etwas von Bedeutung zu sagen. Eine Botschaft, die auch sie anging.

Ahnen aber ist nicht wissen, und noch viel weniger Eingestehen. Zornig stampfte sie mit dem Fuß auf, suchte die Reden des alten Brujah aus ihren Gedanken zu bannen, die sich dort festgesetzt hatten und ihren Verstand unaufhörlich herausforderten, sich mit ihnen zu beschäftigen. Sie wollte nicht! Wollte nicht grübeln und für die Ewigkeit planen und geduldig abwarten wie diese alten Männer – sie wollte ihr Dasein jetzt und hier genießen, mit allen Sinnen genießen! Unwillig stieß sie ein leises Fauchen aus. Ihre Schritte verlangsamten sich, als die Soldaten vor ihr in Sicht kamen. Dabei hatte sie die Bewaffneten sicherlich nicht direkt zu fürchten: Ihre Kleidung wies sie als eine der vielen Dirnen der Stadt aus, und diese waren bei einem Anlass wie dem heutigen sicherlich gern gesehen. Doch ihren neuen Instinkten widerstrebte es, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit allzu vieler Sterblicher zu stehen. Ein Risiko... Sie verharrte mitten in der Bewegung, wurde noch langsamer, einen Fuß noch halb in der Luft, da traf ihr Blick auf den Fremden. Kein strahlender Heros, kein Wunschtraum junger Mädchen zwar, wie ihr der erste Augenschein verriet, doch heute war sie nicht so wählerisch in Bezug auf das Aussehen ihres Gegenübers wie gewöhnlich. Heute brauchte sie dringend neue Kraft, und das schnell. Und der Mann sah gesund und kräftig aus. Vor allem stand er diesseits der Soldaten.

Louisas Fuß kam auf den Boden, ihre nächsten Schritte gingen schon wieder fließend in das sanfte Wiegen der Hüften über, welches das Mannsvolk nie zu locken verfehlte. Ein Lächeln glitt über ihre Züge, als sie einen kleinen Knicks machte und es schaffte, dabei gleichzeitig in gespielter Schamhaftigkeit den Kopf zu senken und ihre Knöchel frivol unter dem Rocksaum hervorblitzen zu lassen. "Mein Herr..." War das verschämte Lispeln ein wenig zu dick aufgetragen..? Ach nein: Ihr kecker Blick, das auffordernde Glitzern in ihren Augen, sollte ihm eigentlich klar zeigen, dass ihre Tracht ihn nicht trog. Hier, bei ihr, würde er finden, was einen jeden Mann erfreute. Ihre Umarmung verhieß Glück. Eine ekstatische Stunde, etwas, woran er sich mit einer Mischung aus wohligem Erschauern und Grauen erinnern würde... denn bei aller Eile war sie eine Genießerin und würde lange genug bei dem Mann liegen, um ihnen beiden zu verschaffen, wonach ihre Körper forderten. Die Hände in die Hüften gestemmt, lächelte sie ihn von unten herauf an und drehte sich leicht ins Profil, so dass er die Schwellung ihres Busens über dem knappen Mieder bewundern konnte. In ihren Augen tanzten tausend kleine mutwillige Kobolde, während ihre makellosen Zähne im Schein der Fackeln blitzten. "...kann ich Euch wohl dienen, edler Herr?" Die Worte rollten samtig-weich und tief aus ihrer Kehle, schwer wie süßer Wein. Sie fuhr mit den flachen Händen kaum merklich die Silhouette ihrer Hüften unter den Röcken nach, ein Augenzwinkern lang glitt ihre Zunge über die blassen Lippen. Sie musste die Erregung nicht einmal schauspielern, das leichte Zittern, als sie tief einatmete, um den warmen, lebendigen Geruch des Mannes durch ihre geweiteten Nüstern aufzunehmen. So viel Kraft, die ihr verführerisch zuzuwinken schien..!

(Appearance + Etiquette: 2 Erfolge)


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 Betreff des Beitrags: Re: Tempus fugit 1228 (Luisa)
BeitragVerfasst: Di 23. Okt 2018, 20:17 
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Der Mann reichte ihr den Arm um ihr aus dem Knicks aufzuhelfen und sie spürte seine Wärme durch die edlen Stoffe. Ein unwichtiger Adeliger oder ein reicher Kaufmann, kam es ihr in den Sinn. Das Wappen, das auf seine Brust gestickt war, kam ihr wage bekannt vor, aber sie konnte es nicht einordnen. Flandern? „Es ist mir eine Ehre euch kennen lernen zu dürfen…“ Ein Schmunzeln zuckte verräterisch um seine Mundwinkel. Louisa erkannte winzige Fältchen um die Augen, die wohl von zu viel Lachen und Sonne herrührten. „Ich würde euer Angebot zu gern annehmen, aber ich schätze, dass mir der Preis möglicherweise zu hoch erscheinen mag. Ich verliere so ungern mein Herz, auch nicht an eine so reizende und schöne Frau wie euch. Ich mag seinen Schlag, müsst ihr wissen.“ Er lachte und reichte ihr seinen Arm. „Mögt ihr mich ein paar Schritte zu dem Zelt begleiten, in dem ich mit meiner Herrschaft logiere? Vielleicht mag es mir in dieser Nacht sogar gelingen euch zu Diensten zu sein, ohne dabei gleich meinen Kopf zu verlieren.“ Wieder erklang das recht sympathische Lachen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Tempus fugit 1228 (Luisa)
BeitragVerfasst: Mi 24. Okt 2018, 20:00 
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Überrascht von den feinen Sitten des Mannes – oder besser gesagt davon, dass er sie einer einfachen Dirne gegenüber zeigte – vertiefte sich das Lächeln auf ihrem Gesicht, als er ihr aufhalf. Louisas Hand legte sich leicht wie eine Feder auf die seine. Die Lektionen ihres Meisters in Sachen Etikette und Verhalten wirkten nämlich, ohne dass sie sich dessen bewusst geworden wäre, in welchem Fall sie wohl auch absichtlich gegen seine Lehren gehandelt hätte. So aber ließ sie sich aufhelfen, ohne ihre kalte Handfläche allzu fest auf seine Haut zu pressen und damit das Gefühl unbewusster Abwehr zu provozieren, das die meisten Sterblichen angesichts spürbarer Anzeichen für die Gegenwart des Untoten erfasste. Sie wollte schließlich etwas von ihrem Gegenüber, das sein Vertrauen erforderte. Bis er in ihrer Umarmung versunken war jedenfalls, denn dann würde sie ihm eine Art von Lust bereiten, die ein wenig vom erwarteten abweichen dürfte... Ihre Blicke glitten an seiner Gestalt auf und ab, taxierten die Muskeln, ergingen sich in der Einschätzung maskuliner Attraktivität, die hier vorhanden war, wie man eine gute Mahlzeit zunächst mit den Augen genießt, ehe man den ersten Bissen nimmt.

Die Sichtprüfung fiel zu ihrer Zufriedenheit aus, und ihre Augen funkelten in Vorfreude auf. Um nichts in der Welt hätte sie von einem Greis oder einem schwächlichen Jüngling trinken mögen, wenn nicht ihr Überleben direkt davon abhinge! "Ihr seid sehr freundlich zu einem einfachen Mädchen" erwiderte sie sein Schmunzeln mit schelmischem Blick. Seine folgenden Worte ließen jedoch eine Alarmglocke in ihrem Kopf läuten. Die Andeutungen... zu klar und unmissverständlich: Er wusste, was sie war, woher auch immer, sie hätte wetten können! Anders war seine Erwiderung kaum zu verstehen. Mühsam behielt sie ihr Lächeln bei, als sie ihm mit einem Nicken folgte und sich zu dem erwähnten Zelt führen ließ. Angestrengt versuchte sie irgendetwas ihr bekanntes an ihm zu entdecken, woran sie feststellen könnte, dass sie es mit dem verdammten Bluthund des Prinzen in einer seiner vielfältigen Verkleidungen zu tun hatte.

Dabei wusste sie, dass es sinnlos war: Bern Kronens Masken waren nicht zu durchschauen, mit all ihren unnatürlich scharfen Sinnen. Und wenn ein Kainit allzu hellsichtig war, musste er sich doch hüten, denn vor Kronens Vertrauten konnte sich niemand in Würzburg lange verbergen. Ihre Augen huschten nervös umher, auf der Suche nach einem verdächtig in ihrer Nähe umherstreunenden Hund, einer Katze, einer Eule... War der Mann nun Kronen oder nicht? Wenn ja, bist du so oder so in seiner Hand sagte sie sich und presste die Lippen aufeinander. Damit wäre ihre Flucht vorüber, ehe sie begonnen hatte... Verzweiflung wollte sie ergreifen. Doch dann bäumte sich etwas in der jungen Frau auf: ihr Widerstands- und Kampfeswille, den das Brujah-Blut nur mehr verstärkt hatte. Und wenn nicht..? Sie lenkte ihre Schritte so, dass sie etwas näher an ihm lief – wodurch ihre Röcke mit leisem Rascheln um seine Stiefel strichen – und sagte mit einschmeichelnder Stimme: "Vor mir müsst Ihr gewiss keine Angst haben, mein Herr." Mit einem unschuldigen Blick von unten herauf fügte sie hinzu: "Darf ich erfahren, wer Euer Herr ist und was er von einem bescheidenen Freudenmädchen wollen mag? Ich bin sicher, er ist die Dienste feinerer Frauen gewohnt, als ich eine bin. " Wenn sie gerade dabei war, dem Nosferatu in die Arme zu laufen, musste er seine Scharade bald beenden.


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 Betreff des Beitrags: Re: Tempus fugit 1228 (Luisa)
BeitragVerfasst: So 28. Okt 2018, 21:33 
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Der fremde Mann überragte sie um einen halben Kopf und sah interessiert zu ihr herab. „Ich habe keine Angst vor euch, mein Fräulein. Aber den Respekt, den ihr als Dame dieser wunderschönen Nacht verdient. Fast jede Frau verfügt doch über ihre eigenen Waffen und ihr ganz besonders, nicht wahr?“ Er lachte als hätte er einen amüsanten Scherz gemacht.“ Er tat nun ein paar Schritte Richtung Zentrum der Festivitäten. Es wimmelte dort vor Menschen, Mägde und Knechte genossen die wenigen freien Stunden, Kinder rannten kreischend zwischen den Erwachsenen umher und stießen gegen empörte Kaufleute, die wohl Diebesgesindel vermuteten. Einen Feuerspucker, der mit seinen Künsten die Nacht erhellte, umging er mit ihr in weitem Bogen.

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„Mein Herr ist derzeit nicht zugegen. Ihn beschäftigen wichtige Angelegenheiten und leider ist ihm nicht die Zeit gegeben, euch persönlich kennen zu lernen. Lasst euch nur so viel sagen: Er ist nicht aus Würzburg.“ Lousia spürte, dass in den Worten ihres Begleiters nur die halbe Wahrheit lag. Wahrscheinlich hatte sich dieser ‚Herr‘ ganz bewusst dazu entschieden, sie nicht treffen zu wollen. „Ich habe ein wenig von euch erfahren. Eigentlich hauptsächlich über diesen etwas unschönen Streit, den ihr gestern Nacht beim Fest auf dem Marienberg mit dem galanten spanischen Edelmann hattet, in dessen Begleitung ihr reistet. Auch wenn es in separaten Räumlichkeiten stattfand… nun ja…“ Er räusperte sich diskret. „Es war nicht gerade leiser Natur.“ Er sah sie fast ein wenig erwartungsvoll an, wartete anscheinend auf eine Erwiderung oder Erklärung.

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 Betreff des Beitrags: Re: Tempus fugit 1228 (Luisa)
BeitragVerfasst: Mo 29. Okt 2018, 21:02 
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Louisas Lippen kräuselten sich kurz. Er wusste, was sie war, und sie war sich dessen nun auch sicher. Soweit waren die Fronten geklärt. Die Brujah warf einen Blick in die Runde, entdeckte aber niemanden, der sich ihr in verdächtiger Form näherte. "Da könntet Ihr recht haben" gab sie gedehnt zu. "Obwohl ich glaube, dass das bei Euch auch nicht ganz anders ist." Sie hielt sich weiterhin dicht bei ihrem Begleiter und überlegte für einen Moment, sich auf ihre neugewonnenen scharfen Sinne zu konzentrieren. Es ging ganz leicht: Sie musste nur wollen, dann sah, roch, hörte sie besser als je zuvor, besser als gewöhnliche Menschen. Vielleicht wäre ein Hinterhalt auf diese Weise leichter zu entdecken... Angesichts des lauten Geschreis und des Übermaßes an Gerüchen – Schweiß, Speisen aller Art, hinter manchem Zelt auch der Gestank von Erbrochenem und Tierkot – verzichtete sie aber schließlich doch darauf. Dann wurde ihre Aufmerksamkeit von der Nähe des Feuerspuckers beansprucht. Sie bleckte unwillkürlich die Zähne, ihre Augen weiteten sich.

Mit einer katzenhaften Bewegung glitt sie auf die andere Seite des Mannes und brachte ihn damit zwischen sich und das Feuer. So weit sie auch entfernt sein mochten, die Flammen waren groß und nicht durch eine Feuerstelle gebändigt, bedeuteten also eine Gefahr, auf die das Fremde in ihr mit Angst und Misstrauen reagierte. Sie verspürte ein heftiges Unbehagen, was auch nicht eher nachließ, als ihr einige Zelte wieder die Sicht auf das gelbe Züngeln versperrten. Unmerklich entspannte sie sich, bis ihr erneut bewusst wurde, dass sie womöglich in einer anderen, unsichtbaren und gerade darum umso größeren Gefahr schwebte. "So, er ist von weither angereist? Zu diesem Hoftag also wohl?" erkundigte sie sich, um einen beiläufigen Ton bemüht. Die junge Frau war mittlerweile fast sicher, dass sie einen der Diener eines Untoten vor sich hatte, die auf eine ihr verborgene Weise aus Menschen geschaffen wurden. "Von mir..?" Sie musterte den Mann scharf.

War er zugegen gewesen, als sie mit ihrem Meister gestritten hatte? Oder ein anderer, von dem er es erfahren haben konnte? Das wollte ihr seltsam erscheinen, denn der zeitlos wirkende, uralte Mann besaß noch viel schärfere Augen und Ohren als sie, das hatte sie schon erlebt, und dazu einen geradezu unheimlichen Instinkt. Niemand mit Ausnahme Bern Kronens war bislang in der Lage gewesen, ihn zu täuschen. Oder hatte er selbst jemandem von ihrem Streit erzählt? Absurd – wozu hätte ihm das dienen sollen?! Doch gerade weil sie keine sinnvolle Erklärung fand, wuchs ihr Unbehagen weiter an. Es war schwer greifbar, nach welchen Plänen die Ältesten unter den Kainiten handelten: Alles konnte Teil einer Strategie sein, oder ebenso gut ohne jede Bedeutung. Und diese Ungewissheit nagte an ihr. Sie wandte den Kopf brüsk von dem Fremden weg und warf ihn so stolz zurück, dass ihr langes Haar gewiss einem wild flackernden Flammenkranz um ihr Haupt geglichen hätte, wäre es nicht durch ihre Haube gebändigt worden.

"Und warum interessiert sich Euer Herr dann für diesen Streit? Ist er mit dem Hidalgo** bekannt? Denn ich bin gewiss zu unbedeutend, um ihn zu kennen oder seine Aufmerksamkeit zu erregen." Ein misstrauischer Blick traf den Sendboten eines Unbekannten wie das Leuchten von glühenden Kohlen unter ihren langen seidigen Wimpern hervor – die Andeutung eines Unmuts unter der Maske zarter weiblicher Züge, der sich sehr rasch in lodernden Zorn verwandeln mochte. Die Hände in die Hüften gestemmt (das kleine, aber scharfe Messer zu spüren, das unter ihrem Mieder versteckt war, hatte etwas beruhigendes), trat sie direkt vor ihn und sah zu ihm hinauf. "Woher kommt Euer Herr, und was will er von mir?" forderte sie zu wissen. Ihre herausfordernde, nichts weniger als ängstliche Haltung wirkte äußerlich betrachtet paradox, war sie doch merklich kleiner und leichter als ihr Gegenüber.


**OOC: niederer spanischer Adel ohne besonderen Titel


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 Betreff des Beitrags: Re: Tempus fugit 1228 (Luisa)
BeitragVerfasst: Di 30. Okt 2018, 21:52 
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Der Mann blieb stehen und tat einen winzigen Schritt nach hinten. Um ihr Freiraum zu geben? Aus Angst? Aus Respekt? Das leichte Lächeln lag nach wie vor auf seinen Lippen. „Verzeiht, mein Fräulein. Ich habe euren Unmut erregt und das lag in keinster Weise in meiner Absicht. Ich verstehe eure Bedenken, ist diese Welt doch so mit Gefahren gespickt wie die Tafel des hiesigen Bischofs mit Messern.“ Seine Stimme wurde leise, fast nur ein Flüstern und im Lärm, der um sie herum herrschte, kaum zu verstehen. Er seufzte leicht und Louisa konnte ihm ansehen, dass er ihr nun etwas mitteilte, dass er wohl lieber verschwiegen hätte. „Mein Herr kam nicht umhin den Streit zwischen euch und dem spanischen Edelmann mitzubekommen. In den Minuten, in denen ich ihm gestern bei der Abnahme seiner Rüstung und Garderobe behilflich war, berichtete er mir davon und äußerte die Bemerkung, dass diese holde Maid das Recht haben sollte, ihren Weg selbst zu wählen…“ Er straffte die Schultern. „Ich erbot mich, da ich über Möglichkeiten diesbezüglich verfüge, euch diesen Wunsch möglich zu machen, sollte es tatsächlich der eure sein.“ Er sah sich ebenfalls die um sie herum eilenden Leute an bevor er weiter sprach. „Mein Herr möchte keine Meinungsverschiedenheiten mit dem Herrn in dessen Gesellschaft ihr gestern gereist seid. Aus diesem Grund möchte er nicht, dass ich seinen Namen nenne und das werde ich auch nicht tun. Er verlangt nichts von euch für diese Kleinigkeit. Immerhin stellt er euch nur seinen obersten Diener zur Verfügung und… es ist mir eine Ehre euch heute, an meinem freien Abend, behilflich sein zu dürfen, sofern ihr beliebt.“ Er schmunzelte nach wie vor und verbeugte sich erneut galant vor ihr. Ein Diener, ganz ohne Frage, aber wohl eher einer, der stolz auf seine Arbeit war als einer der kuschte. Ungewöhnlich in den Reihen der Kainiten, die sie kannte.

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 Betreff des Beitrags: Re: Tempus fugit 1228 (Luisa)
BeitragVerfasst: Mi 31. Okt 2018, 21:03 
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Registriert: Sa 20. Okt 2018, 13:43
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Es war schwer, in den Zügen ihres Gegenübers zu lesen, die von den diversen Lichtquellen in der weiteren Umgebung nur unzureichend beschienen wurden. Louisa musterte ihn unsicher und ließ die Hand in der Nähe des Messers auf ihrer Hüfte liegen. Was er ihr da erzählte, war genau betrachtet zu schön, um wahr zu sein, zu verlockend, als dass es ihr nach ihren Erfahrungen mit den Kainiten kein Misstrauen hätte einflößen können. Zudem verwirrte sie die Art, wie er sie ansprach – ihr Meister hatte sie stets auf eine sachliche, fast schon kühle Weise behandelt, während die meisten Sterblichen sie als gewöhnliche Dirne betrachteten und ihre Worte entsprechend wählten. Es war einerseits schön, sich nun angesichts solcher Höflichkeit fast wie eine Dame von hohem Geblüt zu fühlen. Andererseits schwang dabei immer die Frage mit, ob er nicht trotz seiner Beteuerungen etwas von ihr wollte. Sie musste vorsichtig sein: Der Hidalgo etwa war in der Lage, Menschen mit einem Blick und einigen wenigen Worten zu begeistern, und die junge Frau hatte schon oft genug am eigenen Leib erfahren, wie rasch er sie umstimmen konnte, ohne dass es ihr selbst bewusst wurde.

Erst im Nachhinein dann, in einem Moment der Besinnung, ärgerte sie sich immer, wieder einmal nach seiner Pfeife getanzt zu haben. Hatte sie nicht an sich selbst eine neue, nie gekannte Fähigkeit entdeckt, andere zu faszinieren, zu verführen, sie mit einem Lächeln zu locken? Wer vermochte schon zu sagen, ob dieser Mann vor ihr nicht über ähnliche Macht verfügte? Oder war die besondere Anziehungskraft nur Einbildung, die von der gleichmäßig pulsierenden Ader an seinem Hals ausging..? Sie leckte sich nervös über die Lippen. "Ja, gefährlich ist es immer und überall..." bestätigte sie langsam, im Zweifel über die Lockung des Mannes an sich. Die Lockung seines Angebots dagegen war eindeutig und sehr groß. Sie sah ihm direkt ins Gesicht. "Nur weil er denkt, dass ich frei wählen können sollte? Das ist großzügig – die wenigsten denken so, wenn es um Weibervolk geht." Fieberhaft überlegte sie: Der geheimnisvolle Herr wollte Streit mit ihrem Meister verhindern, konnte also kein Verbündeter von ihm sein, oder..? Aber wenn es nun wieder nur ein Trick war? Eine Lüge, um eine Täuschung zu verbergen, hinter der wiederum eine Maske steckte?

Mit einem unwilligen Fauchen, das ihr noch mehr Ähnlichkeit mit einer Katze gab, schüttelte sie den Gedanken ab. Er war ohnehin fruchtlos: Es würde zu nichts führen, wenn sie versuchte, die verwinkelten Intrigen alter Vampire zu entwirren. Sie wollte nichts zu tun haben mit all den Ränkespielen, großen Plänen, die sich über Jahrhunderte erstreckten, mit uralten, vertrockneten Mächtigen, die Menschen wie Schachfiguren umher schoben! Sie wollte einfach nicht! Und darum beschloss sie, nach ihrem Bauchgefühl vorzugehen. Ein kleines Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Es mochte nur eine Trotzreaktion gegen den Hidalgo sein, aber es tat gut, sich einzureden, dass sie mit ihrer impulsiven Art unberechenbar war, dass sie bewusst und gezielt die Pläne alter Männer störte... "Also gut!" sagte sie kurzentschlossen und versuchte sich an einem huldvollen Nicken auf seine Verbeugung hin. "Dann nehme ich das Angebot an." Und stieß direkt auf ihre nächste Frage: "Aber... wie wollt Ihr mir denn helfen? Wollt Ihr mich aus der Stadt entführen?" Damit hatte sie ungute Erfahrungen gemacht.

Doch letztlich – welche andere Wahl hatte sie eigentlich, wenn sie rasch von hier fortwollte? Es würde sehr schwierig werden, sich zeitgleich darum zu kümmern und um ihr anderes dringliches Problem... "Es gibt da noch etwas, das ich erledigen muss." Sie verstummte. Konnte der Mann auch hier erraten, was gemeint war? Es widerstrebte ihr nach wie vor, dieses beim Namen zu nennen, auch wenn es alle fleischlichen Genüsse für sie ersetzt hatte und sie bei weitem übertraf. Die natürliche Scheu vor dem, was sie nunmehr tat, um zu überleben, war noch nicht verflogen. "Wie nennt Ihr Euch eigentlich, da ich schon den Namen Eures Herrn nicht erfahren soll?" erkundigte sie sich, um ihre Verlegenheit zu verbergen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Tempus fugit 1228 (Luisa)
BeitragVerfasst: Do 1. Nov 2018, 11:20 
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Louisas Gedanken über die fast übermenschliche Anziehungskraft ihres Mentors ließen sie auch den Mann, der nun wieder neben ihr ging, näher betrachten. Die Wirkung des Blutes, das verheißungsvoll in den Adern seines muskulösen Halses pochte, war unleugbar, aber er schien ebenso über eine andere Art der Präsenz zu verfügen, die den wenigsten Sterblichen inne war. Kein Vergleich zu der Macht ihres Meisters, aber nichtsdestotrotz: Wenn dieser Mann redete, dann würden die Leute zuhören, spräche er eine Bitte aus, würde man sie zügig erfüllen wollen und seine Wirkung auf sterbliche Frauen, da war sie ebenfalls sicher, wäre auch nicht eben gering.
Auf ihre Bemerkung ‚Nur weil er denkt, dass ich frei wählen können sollte? Das ist großzügig – die wenigsten denken so, wenn es um Weibervolk geht‘ antwortete er nur knapp mit einem leicht schiefen Lächeln: „Nun ja, Herrin dieser Nacht, ihr seid vieles, aber mit Sicherheit kein gewöhnliches Weib.“ Er schmunzelte und ließ eine weitere Bemerkung fallen, die einen ironischen Unterton hatte. „Euer Liebreiz ist so mannigfaltig wie die Sterne.“ Es könnte eine schlichte Bemerkung eines Freiers zu einem leichten Mädchen sein, aber Louisa mochte sich ausmalen, worauf er hinaus wollte.
Als sie nach seinem Namen fragte, blieb er stehen und sah sie aus den hellen Augen fest an. „Arjen van Hauten. Es ist mir eine Ehre euch kennen lernen zu dürfen, Fräulein Vandevoort.“ Louisa kannte den Namen ‚van Hauten‘. Es handelte sich um eine einflussreiche flandrische Kaufmannsfamilie, die bereits mit ihrem sterblichen Vater, einem bescheidenen Leinenweber, Geschäfte getätigt hatte.
Er griff wieder galant nach ihrem Arm als er weiter durch die Zeltstadt auf der Würzburger Aue schritt. „Ich kann euch helfen in einer Stadt aufgenommen zu werden. Sie ist weit genug von hier um ‚zu verschwinden‘, aber nicht weit genug um ‚aus der Welt zu sein‘. Die Stadt ist sowohl bei tags als auch bei nachts ausgesprochen einladend, wenn ihr mich fragt: schöne Kaufmannshäuser, ein Zentrum mit gepflasterten Straßen und großen Marktplätzen, dicke wehrhafte Mauern, edle Paläste, Kanäle, die jeden noch so kleinen Winkel mit Waren beliefern können und den Unrat der Großstadt wegschwemmen. Im hohen Belfried, dem Stadtturm, regiert bei Tag ein gewählter Stadtrat, des Nachts…“ Er machte eine wegwerfende Bewegung. „…ach, ich komme ins verklärte Schwärmen, verzeiht. Ab und an überkommt mich dann wohl doch ein wenig Heimweh nach Brügge.“ Er lachte laut und wurde dann wieder ernster ohne das gewinnende Lächeln zu verlieren. „Es gibt dort einen Mann, Jan van Hauten, den ihr aufsuchen solltet.“ Er sah sie einen Moment überlegend an, schien ihre Miene deuten zu wollen. „Ich würde euch nun gerne in das Zelt meiner Herrschaft einladen. Mein Herr wird es in dieser Nacht nicht benötigen. Es steht dort drüben.“ Der Mann, der sich mit Arjen vorgestellt hatte, deutete zu einem weitläufigen luxuriösen Zelt in wohl zwanzig Metern Entfernung. Am Widerschein auf den bunten Zeltplanen erkannte sie, dass es edel eingerichtet sein musste und dass Kerzen brannten.


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Ein etwas bedauernder Zug legte sich um seinen Mund. „Aber ich denke, ich werde mich noch ein wenig gedulden müssen, nicht wahr? Ihr habt noch andere Anliegen, die ihr auf diesem Festtag erledigt zu wissen wünscht, wenn ich nicht irre.“ Ganz offensichtlich hatte er ihre Unruhe richtig gedeutet.
Er griff mit der Rechten an seinen linken Mittelfinger und zog einen edlen, goldenen Siegelring vom Finger. Louisa erkannte einen Baum auf der einen Hälfte des Siegels.

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„Zeigt diesen Ring vor, wenn ihr später zu diesem Zelt zu kommen wünscht. Dann können wir alles weitere besprechen. Ich werde auf euch warten und derweil ein Schreiben für Jan van Hauten aufsetzen. Ihr mögt den Ring ebenfalls behalten bis ihr ihm gegenüber steht. Dann wird er wissen, dass ihr von mir kommt.“ Er nickte ihr zu.

_________________
Der Weg zum Ziel beginnt an dem Tag, an dem du die hundertprozentige Verantwortung für dein Tun übernimms.
Dante Alighieri


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 Betreff des Beitrags: Re: Tempus fugit 1228 (Luisa)
BeitragVerfasst: Fr 2. Nov 2018, 21:00 
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Nun musste sie doch für einen Moment lächeln, und ihre Züge verwandelten sich binnen eines Herzschlags in die eines jungen Mädchens. Verflogen war die Andeutung eines brodelnden Feuers unter der Oberfläche, beinahe wirkte sie unbeschwert, wie eine gewöhnliche Sterbliche ihres Alters. "Ihr seid der Erste, der das so zu mir sagt. Ich dachte sogar selbst, ich sei ein ziemlich gewöhnliches Mädchen" kicherte sie amüsiert – und nicht ganz ehrlich, wie das belustigte Funkeln in ihren Augen verriet. Ja, es war unleugbar: Die Komplimente aus dem Munde eines Mannes blieben nicht gänzlich ohne Wirkung auf sie. Halb unbewusst suchte sie sich noch besser in Positur zu stellen, mit einem kecken Schwung der Hüfte ihre Reize zur Geltung zu bringen, vordergründig verschämt, aber doch kokett genug, um zu beweisen, dass die Kleidung des Dirnenstandes für sie keine Verkleidung war. Sie wand spielerisch eine der Locken um den Zeigefinger, die unter ihrer Haube hervorquollen, und betrachtete den Mann vor sich um eine Spur wohlwollender. "Herrin dieser Nacht... ein vergänglicher Ehrentitel, aber einer, der mir gefällt" schnurrte sie. Die Ironie in seinen nächsten Worten nahm sie mit Humor, indem sie einen kleinen Knicks vor ihm machte, begleitet von einem: "Habt Dank, werter Herr... van Hauten."

Sie ließ den Namen langsam über ihre Lippen rollen, fast wie ein Weinkenner, der einen guten Schluck lange genießt. Er klang vertraut, sehr vertraut... ja richtig! Überrascht musterte sie Arjen näher. Seine Schilderungen ließen sie merklich aufhorchen. Solch eine Stadt wäre ja genau, wonach sie suchte, was sie jetzt ganz dringend brauchte! "Brügge..." wiederholte sie und lauschte auch dem Klang dieses Wortes eine Weile hinterher. "Jan van Hauten – ich werde mir den Namen merken" nickte sie dann und verflocht gedankenverloren die Locke mit zwei anderen. Ihr Blick folgte der Richtung, die er ihr bezeigte, und sie nahm das kostbar wirkende Zelt mit Befriedigung wahr. Es mochte ein recht simpler Beweggrund sein, doch sie war gewohnt, einen Mann nicht nur nach Aussehen und Manneskraft, sondern auch danach zu beurteilen, wie vermögend er war. Denn letztlich musste ein Mädchen schauen, wo es blieb, und ein reicher Gönner und Freund – noch besser Gemahl – bedeutete mehr Wohlstand und Sicherheit als ein besitzloser. Arjens Herr begann sie brennend zu interessieren, während sich in ihrem Kopf die Bilder prächtiger Mannsbilder formten, edler Antlitze, die wunderbar zum Mädchentraum vom mächtigen, reichen Ritter und Wunschgemahl passten. Machtvoll und edel wie ihr Meister, aber nicht so... trocken und ernst, so sehr die Ewigkeit ausstrahlend wie ein uralter, verwitterter Fels. Nicht so bevormundend und jede unschuldige Freude als Pflichtvergessenheit geißelnd

Sie sog einen tiefen Atemzug ein und stieß die kalte Luft wieder aus. Dann nickte sie, strich sich unternehmend die Röcke glatt und strahlte ihr Gegenüber an. "Ja, ein wenig Geduld wird nötig sein, mein edler Kavalier... aber ich werde nicht lange brauchen" versprach sie fest. Nein, bei diesem Trubel und den unzähligen Mannsbildern hier herum, viele davon angeheitert, auf der Suche nach einem Paar weicher Arme für die Nacht, würde sie sicherlich sehr leichtes Spiel bei der Jagd haben. Den Ring van Hautens nahm sie entgegen, um ihn genau zu betrachten und mit den schlanken Fingern über die geprägte Oberfläche zu streichen. "Das werde ich tun" versicherte sie, ließ den Ring, der viel zu weit für ihre Finger war, mit einem Zwinkern im Ausschnitt ihres Mieders verschwinden und nickte anerkennend – ein Mann, der schreiben konnte, war trotz ihrer jüngst erworbenen eigenen Bildung noch immer beeindruckend. "Ihr werdet auf mich warten, ja?" Ein letztes, verheißungsvolles Lächeln über die Schulter, dann schlenderte sie mit wiegenden Hüften in Richtung der wimmelnden Menschenmenge, um sich eine Beute zu suchen.


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