Vampire: Die Maskerade


Eine Welt der Dunkelheit
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 Betreff des Beitrags: Neue Horizonte (Louisa)
BeitragVerfasst: Mo 15. Apr 2019, 09:33 
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Es war Sommer, zumindest behaupteten das alle, denn seit Louisa die großen Stadttore von Brügge passiert hatte, lagen konstanter Regen und Kälte wie eine graue, feuchte Decke über der flandrischen Stadt. Vor zwei Tagen hatte die Brujah ihre vorübergehende Residenz im Elysium zur ‚Blutenden Jungfrau‘ bezogen. Das hatte ihr Zeit gegeben sich - zumindest ein wenig - in ihrer neuen Heimat einzurichten. Jan van Hauten hatte Wort gehalten und bereits gestern Nacht einen Schneider zu ihr geschickt, der Maß für ihre neue Kleidung genommen hatte.

Im Grunde war es nicht verkehrt zu sagen, dass ihre Ankunft in Brügge äußerst erfolgreich vonstatten gegangen war, von einem kleinen Zwischenfall einmal abgesehen. Die Ghulin Svantje schien aus irgendwelchen Gründen eine äußerste Antipathie gegen die Brujah zu hegen, was am Ende dazu geführt hatte, dass die freche Sterbliche sich, ohne Zweifel betört von ihren Gefühlen, äußerst anmaßend gegenüber Louisa verhalten hatte. Der Zwischenfall schien Frederik, dem Hüter des Elysiums mehr als nur unangenehm gewesen zu sein, hatte er sich doch erst in aller Form bei ihr entschuldigt und kurz darauf das dreiste Ding aus dem Elysium verbannt. Wahrscheinlich konnte die Ghulin froh sein nicht noch schlimmer bestraft zu werden, was sicherlich nur auf den Einfluss und die schützende Hand ihres Dormitors zurückgeführt werden konnte.

Danach war eine gewisse Ruhe eingekehrt und der neue Diener Bero, ein kräftiger, junger Mann mit feuerrotem Haar, bemühte sich auf das Äußerste Louisas Wünsche mit Höflichkeit und Effizienz zu erfüllen. Natürlich konnte man die Motivation des jungen Burschen auf die simple Tatsache zurückführen, dass er einer so sinnlichen und gut aussehenden Frau wie Louisa gefallen wollte, aber die Strafe die Svantje für ihren Fehler ereilt hatte, war ebenfalls noch frisch in den Köpfen aller Beteiligten verankert. Abgesehen davon, sollte für die Brujah trotzdem keine Langeweile aufkommen. Bero hatte ihr gestern eine Nachricht vom großen Rat Brügges überbracht. Ein erstes Willkommen des herrschenden Zusammenschlusses der Domäne, die entgegen dem Usus nicht von einem einzelnen Prinzen, sondern ähnlich wie die sterblichen Städte von einem Bund seiner einflussreichsten Bewohner regiert wird. Das kleine Pergament war äußerst unscheinbar gewesen und lediglich mit dem Symbol einer um einen Stab gewickelten Schlange versiegelt. Die Einladung in dem Schreiben galt der heutigen Nacht.


An die verehrte Louisa van de Voort vom Clan der Philosophen,

Als Mitglied des großen Rates wäre es mir Freude und Privileg zugleich, euch in eurer neuen Heimat willkommen heißen zu dürfen. Erweist mir doch bitte die Ehre und trefft mich morgen um Mitternacht am Fuße des Belfrieds im Zentrum von Brügge.

Leif Thorson vom Clan des Todes,
Ratsmitglied von Brügge



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“Leichter ist es Menschen zu finden, die freiwillig in den Tod gehen, als solche, die mit Geduld Schmerzen ertragen.”
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Verfasst: Mo 15. Apr 2019, 09:33 


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 Betreff des Beitrags: Re: Neue Horizonte (Louisa)
BeitragVerfasst: Do 18. Apr 2019, 10:34 
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Die letzten beiden Nächte hatte sie in einer Art Schwebezustand verbracht. Da war einerseits die Angst um ihre nackte Existenz, die Angst vor Gefahren, die vorerst gebannt schienen. Der unerwartet freundliche Empfang in Brügge, die erfolgreiche Flucht vor dem Einfluss ihres Meisters. Sie hatte ein Dach über dem Kopf, trug neue Kleider, war in relativer Sicherheit. Mehr als genug Gründe, zufrieden zu sein, ja, zu jubilieren! Aber es gab auch noch etwas, das ihr nach wie vor auf der Seele lag. Genau genommen waren es sogar zwei Sorgen, die sie umtrieben. Denn sie war sich trotz alledem noch nicht sicher, ob der Hidalgo ihre Spur wirklich endgültig verloren hatte. Sie hatte ihn immer und immer wieder unterschätzt, seine persönliche Macht, seine Verbündeten, seinen Einfluss und seine Informationsquellen. So blieb stets der Hauch eines Zweifels übrig, ob nicht eines Tages Schergen auftauchen würden, um sie in seinem Namen zurückzufordern – oder schlicht zu entführen. Und nicht zuletzt war sie kaum weniger angeschlagen aus dem kurzen Zusammenstoß mit der aufsässigen Sterblichen hervorgegangen als diese selbst: Das Fremde in ihr hatte sich einmal mehr geregt, und zwar so heftig und aus einem im Grunde so geringen Anlass, dass sie befürchten musste, früher oder später erneut zur Sklavin dunkler Begierden zu werden, sich derart zu vergessen, dass sie ihre Handlungen später würde bereuen müssen, wenn sie nicht mehr rückgängig zu machen waren.

Daher kam es auch, dass sie ganz gegen ihre Gewohnheit die Nähe Beros geradezu scheu mied – umso schmerzhafter und schwerer, als sie sehr wohl bemerkte, wie ihr Körper seine Blicke wiederholt auf sich zog. Louisa verspürte die beinahe magnetische Anziehungskraft, die sie immer wieder zu den Sterblichen zog, vornehmlich, jungen, gesunden männlichen Geschlechts mit einem ansprechenden Äußeren. Es zog und zerrte an ihrem Inneren, die süße Frucht zu verleugnen, die so greifbar nahe unentwegt vor ihren Augen lag. Aber sie hatte Angst, dem Anderen in sich noch einmal Macht über sich einzuräumen. Denn sie spürte sehr genau: Würde sie dem Drängen nachgeben und in den Armen des Sterblichen ihren unstillbaren Durst zu bezähmen suchen, sie würde den Schritt zurück vor dem Abgrund nicht mehr über sich bringen. Es wurde ihr zur Qual, mit ihm beisammen zu sein, zumal er sich so höflich und zuvorkommend verhielt. Gelegentlich äußerte sich ihr innerer Zwiespalt in Stimmungsschwankungen, die er wohl der Sprunghaftigkeit des Weibervolks zuordnen mochte: Mal lustig, zu Scherzen oder gar zum Schäkern aufgelegt, dann wieder fahrig und gereizt, mitunter ungerecht in ihrer Kritik an echten oder eingebildeten Fehlern des Dieners.

Erst das Schreiben des Ratsmitglieds riss sie aus diesem Auf und Ab der Gefühle. Ungewiss, wer und was sie erwarten würde, umso neugieriger aber, bereitete sich Louisa sorgfältig auf das Treffen vor. Nicht nur in Bezug auf ihr Äußeres, dem sie größte Sorgfalt widmete, um in ihrer neuen Kleidung den bestmöglichen Eindruck zu machen. Auch in Gedanken ging sie viele Male durch, was sie sagen, wie sie auf bestimmte Fragen reagieren würde – womöglich die allmählich aufgehende Saat des Hidalgo, der in der sinnenfreudigen und wenig vorausschauenden jungen Frau ein verborgenes geistiges Potential zum Leben zu erwecken gesucht, welches außer ihm kaum jemand sonst in ihr erblickt hatte. Als die Nacht gekommen war, die der Brief bezeichnete, war die Brujah bereits frühzeitig unterwegs. Sie hatte sich mittlerweile halbwegs in der Stadt orientiert, so dass sie sich zu einem so prominenten Ort immerhin nicht mehr durchfragen musste. Still und möglichst ohne Aufsehen zu erregen schritt sie ihrem Ziel zu. Sie hatte ihre schlanke Gestalt in einen Umhang gehüllt, der sogar ihre schimmernde Haarpracht unter einer Kapuze verbarg, um nicht das Interesse nächtlicher Schwärmer auf sich zu ziehen. Heute konnte sie die sonst so willkommene Aufmerksamkeit nicht gebrauchen! Am Fuße des Turms angelangt, sah sie sich um und lauschte in das Dunkel. Ihre Sinne waren auf das Äußerste gespannt.


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 Betreff des Beitrags: Re: Neue Horizonte (Louisa)
BeitragVerfasst: Sa 20. Apr 2019, 14:51 
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Es war tatsächlich sehr einfach für Louisa den Weg zum Belfried zu finden. Selbst jemand, der gänzlich neu in Brügge war, konnte den großen Turm - der so prominent die Silouette der Stadt ausmachte - kaum übersehen. Das Bauwerk war ein Monument weltlicher Macht, höher als jede Kirche, bezahlt von den reichen und nicht minder stolzen Bewohnern die auf diesem Flecken Erde, Gewerbe und Häuser ihr eigen nannten. Es war wohl unvermeidlich, dass dieses Symbol im Zentrum der Stadt auch das Machtzentrum seiner unsterblichen Bewohner geworden war. Louisa folgte der gepflasterten Straße zum inneren Marktplatz. Der Weg war flankiert von prachtvollen Gildehäusern, teuren Geschäften sowie Werkstätten und Anwesen der erfolgreichsten Bürger Brügges. In der Dunkelheit konnte sie die fein bemalten Schilder ausmachen, die verrieten, was hier tagsüber gehandelt wurde und man konnte sich nur vorstellen, welche Betriebsamkeit hier wohl herrschte, wenn Louisa totenstarr schlief. Jetzt aber lag Stille über der Stadt und die Schritte der Brujah hallten leise auf dem Kopfsteinpflaster wieder. Zum Glück regnete es nicht mehr, aber das schlechte Wetter der letzten Tage hatte die ein oder andere Pfütze hinterlassen, auf die die Kainitin achten musste, wollte sie sich nicht die neuen Schuhe zu ruinieren. Schließlich hatte sie nach nur wenigen Minuten ihr Ziel erreicht, immerhin lag die 'Blutende Jungfrau' ebenfalls zentral in der Stadt.

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Der helle Stein, mit dem der Belfried verkleidet war, schimmerte sanft im Mondlicht und es dauerte nicht lange, bis sich ihr eine Gestalt im Kapuzenmantel nährte. Diese war offensichtlich ein Mann, wohl einen Kopf größer als Louisa, mit dunklen, im Nacken zusammengebundenen Haaren und grau-blauen Augen. Der Fremde trug eine einfache Laterne, deren kleine Flamme hinter Papier verborgen war und so nur ein äußerst gedämpftes Licht spendete. Dennoch reichte die Erleuchtung aus, damit sich beide Personen in der Dunkelheit sehen konnten.
„Fräulein Louisa van de Voort nehme ich an?“ Der dunkelhaarige Mann schien sich sicher zu sein, es mit der richtigen Person zu tun zu haben, denn er schien keine gesonderte Antwort von Louisa zu erwarten. „Ich bin Leif Thorson und es freut mich euch endlich kennenlernen zu dürfen. Man hat schon über euch berichtet, aber das könnt ihr euch vielleicht denken. Ein neues Gesicht geht schließlich immer auch mit einem gesunden Maß an Neugier einher.“ Ein freundliches Lächeln stahl sich auf die ebenmäßigen Züge des Mannes, die die meisten Menschen sicherlich als sehr schön bezeichnen würden. Er schloss seine Begrüßung mit einer kurzen, respektvollen Verbeugung ab.

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 Betreff des Beitrags: Re: Neue Horizonte (Louisa)
BeitragVerfasst: So 21. Apr 2019, 19:09 
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Sie maßen sich gegenseitig mit langen Blicken, zwei Silhouetten umhüllt von langen Kapuzenmänteln, die eine merklich kürzer und schmaler, wie die verkleinerte Ausgabe ihres Gegenübers. Da endlich hob der Mann die Laterne leicht an, und die Brujah konnte die Züge eines ihr fremden Antlitzes erkennen. Sie griff mit beiden Händen nach ihrer eigenen Kapuze, schlug sie zurück und neigte zustimmend den Kopf, ehe sie ihn in einer unbewussten Geste mit der ungekünstelten Eleganz einer Katze zurückwarf. Sie offenbarte dabei eine dichte Flut seidigen Haars, welche ihr sofort über die Schultern fiel. "Ich grüße Euch, Mijnheer Thorson" erwiderte sie gemessen. Denn heute war sie fest entschlossen, Herrin über ihre Leidenschaften zu bleiben und sich keine Blöße zu geben. Noch war ihr der eigene Status in Brügge unklar, und es mochte wohl sein, dass das auch für die eingesessenen Kainiten der Domäne galt. Auf die Verbeugung deutete sie ihrerseits einen höflichen Knicks an, während sie das Gesicht Thorsons mit Interesse musterte.

Wider alle Erfahrung fühlte sie sich auch in diesem Falle von den markanten, männlichen Linien angezogen und konnte ein wohlgefälliges Lächeln nicht verbergen, das ihre Lippen umspielte. Und sie beschloss in die Offensive zu gehen, angeregt durch den ersten Eindruck, den der gutaussehende Mann mit seiner angenehmen Stimme auf sie machte: "Ich kann mir vorstellen, dass man sich über Neuankömmlinge austauscht. Zumal solche wie mich – sehr wohl weiß ich, dass das heiße Blut meines Clans oft zu Händeln und Streitigkeiten führt. Und noch habe ich hier in Brügge niemanden, der für mich bürgen könnte. Doch habe ich vor zu beweisen, dass ich für niemanden Gefahr oder Ärgernis bedeute." Sie machte eine anmutig wirkende Geste, durch welche ihr Arm den weiten Umhang auf ihrer Linken teilte. Die sinnlich gerundeten Formen ihres Körpers zeichneten sich im Licht seiner Laterne vorteilhaft unter dem neuen Kleid ab.


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 Betreff des Beitrags: Re: Neue Horizonte (Louisa)
BeitragVerfasst: Mo 22. Apr 2019, 08:37 
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„Ärgernisse sind, wie ich inzwischen feststellen durfte, immer relativ und ich komme nicht umhin zuzugeben, dass ein wenig Gefahr gelegentlich ganz aufregend für Leute wie uns sein kann. Es hält das Blut in Wallung. Vielleicht versteht ihr ja was ich meine.“ Thorson lächelte und zeigte dabei zwei Reihen ebenmäßiger, schneeweißer Zähne die, denen von Louisa so ähnlich waren. „Folgt mir bitte. Ich würde euch gerne etwas zeigen, bevor wir unsere Unterhaltung fortführen. Außerdem ist ein etwas angenehmerer Rahmen dieser nassen Straße allemal vorzuziehen." Leif machte eine knappe Geste, die Louisa dazu einlud ihm in die Richtung zu folgen, aus der er gekommen war. "Es tut mir leid, dass ihr mit solch einem Wetter hier begrüßt werdet. All die Nachteile der kurzen Nächte, ohne die Vorteile der eigentlich warmen Jahreszeit.“ Nach kurzer Zeit blieb der dunkelhaarige Kainit am Fuße des Belfrieds stehen. Direkt vor ihm war eine kleine, aber massive Tür mit robusten Eisenbeschlägen in die Wand eingelassen. Ohne ein weiteres Wort schloss Thorson den Seiteneingang mithilfe eines großen, metallisch schimmernden Schlüssels, der zu den Beschlägen des Portals passte auf und bat Louisa in einen winzigen Raum dahinter einzutreten. Vor sich konnte die Brujah eine Wendeltreppe mit einer scheinbar endlosen Anzahl von Stufen ausmachen, die den Turm hinaufführten. Mit einem dumpfen Knall viel die schwere Eichentür hinter ihr wieder ins Schloss und Leif Thorsons Stimme zerriss die Stille. „Geht bitte voran Fräulein van de Voort. In 297 Stufen haben wir unser Ziel schon erreicht.“ Laternen gleicher Machart wie der Kappadozianer sie trug, waren an der Wand angebracht und spendeten Louisa Licht für ihren Aufstieg.“

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 Betreff des Beitrags: Re: Neue Horizonte (Louisa)
BeitragVerfasst: Mo 22. Apr 2019, 13:52 
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"Ja", erwiderte sie mit einem kecken Lächeln, "ich glaube, ich weiß, was Ihr meint." Und wer, so dachte sie, sollte es auch besser verstehen als sie? Denn das heiße Blut der Brujah war ein zweischneidiges Schwert. Einerseits eine ewig lauernde Gefahr im eigenen Herzen, ein Feind, der einen jederzeit überwältigen konnte – doch andererseits ein Geschenk, das verhinderte, was anderen Kainiten offenbar zu oft geschah: Das Erstarren in Gefühllosigkeit, das langsame Erodieren des Herzens über den ewigen Lauf der Zeit. Die Hitze brachte Bewegung mit sich, immerwährende Unruhe, Inspiration, Kampfeslust. Lust, insbesondere... Mit einiger Mühe unterdrückte sie eine plötzliche Aufwallung, eine Regung, die ihr recht zudringliche Fragen auf die Zunge legen wollte, und folgte dem Vampir stattdessen mit einem leichten Neigen des Kopfes. Wenig später standen sie im Inneren des Gemäuers, und nur der unstet flackernde Schein der Laternen erhellte die Düsternis um sie.

Louisa sah sich mit zusammengekniffenen Augen um, versuchte möglichst viel von ihrer Umgebung zu erfassen, ehe sie sich mit einem amüsierten Schmunzeln an Thorson wandte: "Ich hoffe, ich stelle Eure Geduld auf keine allzu harte Probe, Mijnheer, denn für so viele Stufen werde ich eine Weile brauchen. Auch wenn ihr in einer Brujah sicherlich eher einen Wildfang als eine Dame vermutet habt." Das kleine Wortgeplänkel begann ihr Spaß zu machen. Leider war es kaum mehr möglich, das Wort an ihren Begleiter zu richten, denn zum Aufstieg musste sie eingehend auf ebenjene Stufen achten, damit sie ihr nicht zum Verhängnis wurden. Mit beiden Händen raffte sie ihre Röcke und setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen, um keinesfalls einen Fehltritt zu tun. Nur einmal hielt sie kurz inne, um über die Schulter zu fragen: "Ich nehme an, Ihr werdet mich nicht vorzeitig von meiner Folter erlösen und mir verraten, was mich erwartet? Ihr müsst wissen, ich bin neugierig."


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 Betreff des Beitrags: Re: Neue Horizonte (Louisa)
BeitragVerfasst: Mo 22. Apr 2019, 21:30 
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„Nach meiner Überzeugung schließen sich Wildfang und Dame keineswegs aus Fräulein van de Voort.“ Louisa hörte ihr Gegenüber herzhaft lachen. „Glaubt mir es gibt verwegenere Mischungen, die ich bis jetzt kennenlernen durfte. Der Kuss Kains gibt unserer Art die aufregende Chance sich nicht nur weiterzuentwickeln, sondern manchmal auch sich gänzlich neu zu erfinden.“ Leif Thorson schien ihre Unterhaltung zu genießen, auch wenn er ebenfalls erst einmal verstummte, um die lange Treppenspirale zu erklimmen. Einer der Vorteile, die die untote Stasis ihrer Art mit sich brachte, war eine unendliche Ausdauer, die beide Vampire nun wunderbar einfach vorankommen ließ. Zwischendurch antworte Leif daher Louisas Frage, ohne das ein neutraler Beobachter ihm die 200 Stufen hätte anmerken können, die er gerade erklommen hatte. „Normalerweise würde ich euch gerne von eurer Neugier erlösen, insbesondere weil ich keine sonderliche Erfüllung in der Folter mir sympathischer Personen finde. Das ist mehr das Metier des Clans Tzimisce. Dennoch muss ich leider ablehnen und gehe die Gefahr ein eure Geduld noch ein wenig auf die Probe zu stellen Fräulein van de Voort.“

Mit einem Lächeln auf den Lippen konzentrierte sich Leif wieder auf die Stufen vor sich. Kurz vor ihrem Ziel passierten sie eine erste Tür in der Wand und dann, ein letztes Stockwerk höher erreichten beide das Ende der 297 Stufen. Ihr Weg endete in einem kleinen Flur, aus dem eine weitere Wendeltreppe wieder nach unten führte und eine schwere, doppelflügelige Tür aus Eichenholz den weiteren Gang versperrte. Der Kappadozianer ging zu dem Portal und stieß es auf. Dahinter befand sich ein einzelner, großer Raum der von einem runden Tisch mit fünf massiven Stühlen beherrscht wurde. Leif ließ Louisa den Vortritt und verbeugte sich leicht, wie um seinen Gast noch einmal zu begrüßen. „Willkommen in der Kammer des großen Rates.“ Das sorgsam mit einigen Kerzen aus Bienenwachs erleuchtete Zimmer, welches sich vor den Blicken der blonden Frau entfaltete, war verschwenderisch und luxuriös eingerichtet. Die Wände waren von großen schlanken Fenstern aus buntem Glas durchbrochen und die ausladende Runde Tafel die genau mittig stand, war in sich schon größer als so manche Bauernkate am Rande der Stadt. Die Brujah wusste, dass der vor ihr liegende Raum sowohl aufgrund seiner Architektur als auch seiner Einrichtung nur einem einzigen Zweck diente: Besucher, Würdenträger und andere wichtige Persönlichkeiten zu beeindrucken. In diesem Punkt zumindest schienen sich die Brügger Kainiten nicht von den Prinzen andere Domänen zu unterscheiden.

Leif sprach wieder, als er hinter Louisa in die Kammer trat. „Verzeiht den Prunk und Protz, aber wir müssen hier durch.“ Der Kappadozianer führte seine Begleiterin quer durch den Raum. Sie passierten die ausladenden Holzstühle, an denen sich auch in dem spärlichen Licht kunstvollste Schnitzereien erkennen ließen. Einer etwa hatte hauchzarte Apfelblüten in seine dunkle Maserung geritzt bekommen, während man auf einem weiteren den detailgetreuen Kopf eines zähnefletschenden Wolfes sehen konnte. An der gegenüberliegenden Seite des Raumes gab es schließlich eine weitere Tür. Leif schaute verschwörerisch zu der Brujah. „Mir ist zwar bewusst, dass man versuchen kann seine Gäste mit verschwenderischer Opulenz zu beeindrucken und wahrscheinlich funktioniert das manchmal auch, ich selbst halte mich aber eigentlich gerne für ein wenig subtiler und einfallsreicher.“

Der dunkelhaarige Kainit öffnete schließlich eine letzte Tür für Louisa und bat die junge Kainitin auf den kleinen Balkon dahinter zutreten. Der Ausblick, der sie erwartete war der einer ganzen Stadt, die alleine ihr zu Füßen liegen schien. Die winzigen Häuser und vielen Kanäle glitzerten im sanften Mondlicht, während hier und da ein orangefarbenes Leuchten davon zeugte, dass noch nicht alle Bewohner der Stadt bereits das Reich der Träume betreten hatten. Überall lebten Menschen, ohne Zweifeln Hunderte und Tausende, vielleicht sogar Zehntausende. Es war eine beinahe unerschöpfliche Quelle von Blut, Leben und Abwechslung – vielleicht sogar genug für jemanden mit ihrem Geschmack und ihren Bedürfnissen. Leif Thorson trat neben Louisa. „Ich würde euch gerne noch einmal und dieses Mal in einem angemessenen Rahmen hier in Brügge willkommen heißen Louisa van de Voort. Ich wünsche euch, dass sich die Stadt ebenso als Glücksfall für euch erweist, wie sie es für mich getan hat.“ Leif ließ seine grau-blauen Augen einen Moment über die nächtliche Stadt schweifen. Er schien zufrieden, wandte sich dann aber wieder voller Interesse Louisa zu. „Vorhin wart ihr neugierig, wenn ich mich recht erinnere.“ Er lachte kurz und gelöst. „Ich hoffe natürlich euch nun nicht in euren Erwartungen enttäuscht zu haben, aber selbst wenn dem so sein sollte – was ich natürlich sehr bedauern würde - ist mir dieses Gefühl natürlich nicht fremd. Also verzeiht mir meine Frage: Gibt es einen besonderen Grund warum ihr euch in Brügge niederlassen wollt? Immerhin ist unsere Domäne nicht gerade die erste Wahl für reisende Kainiten die eine neue Heimat suchen.“

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 Betreff des Beitrags: Re: Neue Horizonte (Louisa)
BeitragVerfasst: Di 23. Apr 2019, 13:45 
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Der Kappadozianer hatte Gelegenheit festzustellen, wie unstet und leicht in Bewegung zu bringen das Brujah-Blut in der jungen Kainitin war: Sein Lachen steckte sie an. Indem sie den Kopf zurückwarf und wie ein silbernes Glöckchen in sein Gelächter einfiel, wirkte Louisa so unbeschwert und fröhlich wie wohl selten einer der zum Leben in der Dunkelheit und zur Gier nach Blut Verurteilten. So hart, unvermittelt und erschreckend brutal das Fremde in ihr zuzuschlagen vermochte, so quälend lasziv und verlockend das Raubtier im Gewand des ewig Weiblichen sein konnte – so kindlich und unschuldig schien auch die Fähigkeit zur Freude, die sie sich über den Tod hinaus bewahrt hatte. Ein schalkhaftes Blitzen in den Augen begleitete ihre Antwort, als sich ihr Lachen zu einem amüsierten Kichern beruhigt hatte: "Nun, wer weiß, vielleicht... Auf jeden Fall habe ich nicht vor, zu einer alten verknöcherten Jungfer zu werden, die die Jahrhunderte zählt und schon lange nicht mehr weiß, was das Leben ist!" Auf die Stufen konzentriert stiegen sie langsam aufwärts, und sie versuchte unwillkürlich mitzuzählen. Bei etwa einhundert kam sie aber mehrmals aus dem Konzept und gab es schließlich auf.

Zahlen waren noch nie ihre Stärke gewesen, und Geduld erst recht nicht! So riskierte sie wieder einen kurzen Blick über die Schulter und drohte mit nachlässig gespieltem Ernst: "Oh, wenn das ein Kompliment war, so danke ich Euch – kann Euch aber dennoch kaum verzeihen, wie Ihr mich quält. Wisst Ihr nicht, dass die Neugier einem wilden Tier gleicht, das einen bei lebendigem Leib auffrisst? Wenn ich an ihr sterbe, tragt Ihr die Schuld!" Sie schien die kleinen verbalen Nadelstiche zu genießen: Ihr Kichern echote erneut durch das Gemäuer, bis sie das Portal am oberen Ende der Treppe erreicht hatten. Als sie jedoch den dahinter liegenden Raum betraten, verstummte ihr schäumender Übermut und machte einem andächtigen Funkeln in den Augen Platz. Ein leises Lächeln umspielte ihren Mund, während sie mit Blicken all die kostbaren Einrichtungsgegenstände liebkoste, die sich ihren Augen darboten. "Hier also tagt der Rat..." murmelte sie leise. Auf Leifs Erklärung hin nahm sie sich zwar zusammen, wäre doch das Geständnis höchst peinlich gewesen, dass ihr der Reichtum sehr wohl imponierte. Von ihrem asketischen Meister stets knapp gehalten, fühlte sie sich zu dem Luxus, dem deutlich spürbaren Hauch von Geld, Macht und Einfluss hingezogen.

Aber sie konnte doch nicht ganz den bewundernden und sehnsüchtigen Ausdruck in ihren Augen verbergen. Ein lautloser Seufzer verließ ihre Lippen, als sie sich ihrem Gastgeber zuwenden musste, um ihm zu der nächsten Tür zu folgen. Der dort sie erwartende Anblick allerdings ließ sie erst recht verstummen. Beinahe mochte der Kainit glauben, in Wahrheit eine Tochter der Toreador vor sich zu haben, wie sie mit einem Leuchten in den Augen auf den kleinen Balkon trat, den überwältigenden Anblick auf sich wirken ließ und reglos stand. Kein Muskel rührte sich in ihrem schmalen Leib, während sie unverwandt auf die stille Szenerie der schlafenden Stadt starrte. Erst nach einer ganzen Weile hob sich ihre Brust unter einem tiefen Atemzug, und sie blinzelte einige Male, als käme sie aus einem tiefen Schlaf wieder zu sich. "Nein", flüsterte sie und klang sehr ernst, "Ihr habt meine Erwartungen nicht enttäuscht. Im Gegenteil: Dafür würde ich die süße Qual der Ungewissheit mit Freuden immer wieder auf mich nehmen – welch ein Anblick..!" Diesmal war keine weibliche Berechnung in der Geste, mit der sie ihren Mantel zurückschlug, die Hände auf die Balustrade legte und ihren Blick über Dächer und Plätze schweifen ließ.

Gedanken wirbelten durch ihren Kopf, Pläne, Hoffnungen. Dazu brach in ihrem Herzen ein heftiger Sturm von Gefühlen aus, von Ungewissheit, Angst, Zweifel über Wagemut und Trotz bis hin zu Dankbarkeit, Zuversicht und einem unbändigen Tatendrang. Heftige Emotionen, wie sie ein Kainit nicht kannte, in dessen Leib nicht das Erbe und der Fluch der Brujah sich fand... und die ein Sterblicher noch viel weniger jemals kennen würde. Äußerlich sah man dem zierlichen Mädchenkörper nicht an, was in ihm tobte, aus einer winzigen Regung bei dem unerwarteten Anblick binnen weniger Herzschläge erwachsen. Doch sie fühlte sich von diesen Instinkten ebenso überwältigt wie von jenen, die finsterer waren. Und so dauerte es einige Zeit, bis sie sich wieder aus ihrer Trance gelöst hatte. "Natürlich, das verstehe ich" meinte sie, um ihre Verlegenheit zu überspielen, und nestelte an dem wunderschön bestickten Ziergürtel herum, der ihre Hüften dank der Großherzigkeit der hiesigen Kainiten seit kurzem dezent mit ihrem Kleid kontrastierend umschmeichelte. "Nun, gerade das macht sie für mich umso attraktiver. Ich wünsche nicht an bedeutenden Entscheidungen teilzuhaben, welche über Wohl und Wehe der halben Christenheit bestimmen, noch, was viel wahrscheinlicher wäre, Dienerin jener zu sein, die diese Entscheidungen treffen. Mir ist nur daran gelegen, mich von Banden und Fesseln aller Art unbeschwert bewegen zu können. Wer bedeutend ist, hat bedeutende Feinde" zitierte sie ihren Meister aus einer unbestimmten Regung heraus, obgleich sie solche Weisheiten aus seinem Munde stets gehasst hatte.


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 Betreff des Beitrags: Re: Neue Horizonte (Louisa)
BeitragVerfasst: Mi 24. Apr 2019, 09:39 
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„Das Zentrum der Christenheit sind wir vielleicht nicht, aber es gab die eine oder andere kuriose Situation mit einer heiligen Lanze.“ Leif lachte schalkhaft, während er sich ebenfalls auf das steinerne Geländer des Balkons lehnte und seinen Blick, über die im fahlen Mondlicht erhellte Stadt wandern ließ. Louisas Ausführungen kommentierte er immer mal wieder mit einem kleinen Nicken. „Glaubt bitte nicht, dass Brügge vom Rest der Kainiten Europas oder seinen sterblichen Königen wie ein verschlafenes Kloster irgendwo am Rand eines Waldes betrachtet wird. Diese Domäne weckt immer wieder Begehrlichkeiten, insbesondere wegen seines Reichtums an Menschen und materiellen Werten.“ Der Wind war hier oben stärker als unten in den Straßen und zerrte immer wieder an Haaren und Kleidung. Der Kappadozianer suchte vor seinen nächsten Worten Louisas Blick und sprach mit Ernsthaftigkeit und Nachdruck. „Stellt euch daher also darauf ein, dass es jederzeit zu Konflikten kommen kann, seien sie sterblichen oder unsterblicher Natur. Das soll euch natürlich nicht abschrecken, aber ich glaube, es ist nur fair ehrlich zu euch zu sein. Immerhin können weder der große noch der kleine Rat erwarten, dass ihr für diese Domäne einsteht, wenn ihr nicht wisst, worauf ihr euch eigentlich eingelassen habt.“

Der Kainit schwieg einen Moment und schien Louisa Zeit lassen zu wollen über seine Worte aufzunehmen. „Solltet ihr Brügge aber eine Chance geben wollen, dann glaube ich, dass ihr es nicht bereuen werdet. Ihr und ich, wir sind uns vielleicht ähnlicher als ich anfangs angenommen hatte, deswegen kann ich diese Worte mit meiner eigener Überzeugung untermauern. Seitdem ich den Kuss erhalten habe, wandele ich auf dem Pfad des Odems. Diese Variante des Via Humanitas lehrt, dass das Tier in unserer Brust von wahrer menschlicher Vitalität in Schach gehalten wird. Ein Tanz in einer lauen Sommernacht, einem Barden zuhören oder sich einfach die Zeit zu nehmen um zu lachen, zu scherzen - eben zu leben...Ich habe euch erst vor wenigen Augenblicke kennen gelernt, aber ich bin überzeugt davon, dass ihr wisst, wovon ich spreche.“ Leif schloss für einen Moment die Augen. „Ich würde lügen, wenn ich sage, dass es immer einfach ist diesem Weg zu folgen, insbesondere wenn man ihn mit anderen Wegen vergleicht, die vielleicht geeigneter für uns als nächtliche Jäger erscheinen. Dennoch: was ich euch versichern kann ist, dass ihr Leben und die Freiheit nach der ihr euch sehnt in dieser Stadt finden könnt. Die Menschen in diesen Mauern sind zum großen Teil zufrieden und das Bürgerrecht erlaubt es unter den richtigen Umständen die Fesseln des Feudalismus hinter sich zu lassen. Die Sterblichen hier haben Hoffnung und Energie. Das schmeckt man manchmal sogar in ihrem Blut.“

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 Betreff des Beitrags: Re: Neue Horizonte (Louisa)
BeitragVerfasst: Mi 24. Apr 2019, 10:29 
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Registriert: Sa 20. Okt 2018, 12:43
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"Eine heilige Lanze?" Sie grübelte und versuchte ihre dürftigen biblischen Kenntnisse zusammenzukratzen. Wenn der Hidalgo auch auf ihre Erziehung wert gelegt und ihr so manche ungeliebte Lektion aufgezwungen hatte, so waren die Schwerpunkte seiner Bildung doch eher in der römischen und phönizischen, teilweise auch der hellenischen Geschichtsschreibung zu suchen. Von den Ideen des "neuen Glaubens" hielt er nicht allzu viel. Die Brujah wusste aber, dass für viele Kainiten die Symbole der Christenheit einen sehr viel höheren Stellenwert besaßen. Und zumindest die weltliche Bedeutung des Reichskleinods war ihr vage bekannt. Sie seufzte leise. "Ich kann es mir denken: Wo es eine wohlhabende Gemeinde gibt, gibt es auch Begehrlichkeiten." Kurz flog ein Lächeln über ihre Lippen, und sie fuhr mit der Hand die Rundungen ihrer Silhouette in einer zweideutigen Form nach. "Politische Begehrlichkeiten, meinte ich natürlich." Auch Louisas Zwinkern fiel jedoch zweideutig aus, trotz dieser Worte.

Nicht dass sie ihren Charme hätte voll spielen lassen, aber über die eine oder andere schlüpfrige Andeutung war die junge Kainitin nicht erhaben, war ihr doch die Verführung zur zweiten Natur geworden. Da die Worte des Kappadozianers allerdings von immenser Wichtigkeit für ihre Zukunft in Brügge schienen, riss sie sich zusammen und ließ die Hand weiterwandern, um gedankenverloren über die Brüstung vor ihnen zu streichen. "Ich danke Euch für das Vertrauen, das Ihr mir entgegenbringt" erwiderte sie wieder deutlich ernster. "Und Ihr könnt versichert sein: Wenn ich hier eine Heimat finden sollte, werde ich sie auch verteidigen! Ich will meine eigene Herrin sein." Sie musterte ihr Gegenüber nachdenklich, ehe sich erneut ein Lächeln auf ihre Lippen stahl – dieses jedoch war nicht von einer süßen Lockung untermalt. Vielmehr machte es einen gänzlich ungekünstelten Eindruck, als käme es von tief drinnen... "Vielleicht habt Ihr recht. Ich kenne die Wärme, die ein kaltes Herz durchströmt, wenn die Hand des Liebhabers meinen Leib berührt oder wenn die Nachtigall mir ihr Lied singt."

Dann legte sie den Kopf schräg und sah ihn von unten herauf fragend an. "Verwunderlich nur, dass Ihr dieselben Freuden schätzt. Ich hatte gedacht, Euer Clan sei im Gegenteil nicht vom Leben, sondern vom Tode fasziniert. Wie seid Ihr dazu gekommen, Euch diesen Pfad zu erwählen?" Ohne ein bestimmtes Ziel wanderte Louisas Blick wieder über die Dächer der Stadt. "Oh ja... die Fesseln hinter mir lassen, das will ich wohl" murmelte sie. Unvermittelt machte die grüblerische Träumerin aber wieder dem kleinen Teufelchen Platz, aus dessen Augen es schalkhaft blitzte. "Nun, wenn das so ist, kann ich es kaum erwarten, diese süße Kostbarkeit auf meinen Lippen zu spüren" schnurrte sie, und ihre Zunge erschien zwischen ihren hellen Zähnen, um über Lippen zu lecken, die irgendwie voller und von einem intensiveren Rot schienen, wie eine Rosenblüte, die sich öffnete, um sich der Sonne zuzuwenden. Fahl leuchteten dabei ihre Eckzähne im Mondlicht. Denn es mochte zwar das Gebaren eines verspielten Kätzchens zeigen, doch es blieb immer ein Raubtier, das Fremde in ihren Adern...


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