Brunhild half Karl die ersten Schritte zu tun und es ging nach dem Anlegen des Verbandes recht gut. Sie sah Leif noch einmal fest an. „Pass auf dich auf! Man kann nie wissen, wem du heute Nacht noch über den Weg laufen wirst.“ Mit diesen Worten verschwanden die beiden in der Dunkelheit.
Leif ging Richtung Hauptstraße und gelangte durch die langsam dunkler werdenden Straßen zum Viertel in dem die Taverne liegen musste. Während er noch durch die Gassen schritt begann es heftig zu regnen. Leif wanderte durch den Regen des Unwetters ohne es auch nur zu bemerken. Er war bereits nass und mehr Wasser würde nichts mehr verändern.

„Der trunkene Bock“ war ein ganz gewöhnliches Gasthaus, doch aufgrund des Unwetters nahezu ausgestorben.

Der einsame Wirt lehnte am Tresen und polierte ein paar Humpen, sah den Hereinkommenden kurz an und rief laut. „Ich kann euch was zu trinken bringen, wenn ihr wünscht. Die Küche hat um die Uhrzeit und bei dem Sauwetter aber heut leider nicht mehr geöffnet. Ein Bier?“ Er wartete kurz Leifs Antwort ab und verschwand dann in einem Hinterzimmer um das entsprechende zu holen.
Der Salubri nickte als der Wirt anbot ihm ein Bier zu verkaufen und erhob sich sofort wieder als dieser im Hinterzimmer verschwand.
Die Schankstube war bis auf einen einzelnen Gast leer. Ein hochgewachsener Mann in dunkler Robe saß in einer Ecke an einem der halbwegs im Schatten liegenden Vierertische und spielte mit einem Ring an seinem Finger. Er hob kurz den Blick als sich die Tür öffnete, senkte dann jedoch fast hastig den Kopf als wolle er vermeiden gesehen zu werden und drückte sich noch ein wenig mehr in die Dunkelheit
Mit langsamen, beinahe beiläufigem Schritt ging Leif in Richtung des einsamen Gastes und setze sich ihm gegenüber. Er suchte dessen Blick. "Ich habe gehört Lady Jonarta will etwas, das mir gehört. Ich glaube das bedeutet, dass wir ein Problem haben. Also mach mir ein Vorschlag: wie lösen wir dieses Dilemma?"
Der schwarzhaarige Mann sah sein Gegenüber für einen Moment ungläubig an, täuschte Erstaunen vor. „Frederik van de Burse? Hier? Was für eine Überraschung. Ich hab dich ja seit Jahren nicht gesehen? Wann war das zuletzt? Bei der Besprechung zu den Zöllen, die an den einzelnen Stadttoren erhoben werden sollen letztes Frühjahr? Du hast dich ja in den letzten Jahren ganz schön zurück gezogen… Ich hab gehört Marlene hat ihr zweites Kind bekommen? Wieder ein Mädchen, wenn die Gerüchte stimmen. Sag ihr bitte meine Glückwünsche, falls sie sich noch an mich erinnert.“ Er überwand sein anfängliches Zögern, schmunzelte kurz. „Du hast dich gut gehalten. Wenn man bedenkt, dass wir beide fast gleich alt sind. Du siehst keinen Tag älter aus als 30… Nun ja… In deiner Familie wird das ja anscheinend vererbt.“ Wieder lachte er. „Frederik? Was hast du denn vorhin gemeint, als du die Herrin Jonarta angesprochen hast. Weißt du, ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, aber ich bin im Auftrag meiner Herrschaft hier und ich muss mich leider mit jemandem treffen und ein Geschäft abwickeln.“ Der Mann biss die Lippen aufeinander und seufzte kaum hörbar.
"Ich bin nicht Frederik." Er sagte das in ruhiger Stimme, die aber etwas Bedrohliches hatte und zeigte auf seine grauen Augen. "Ich weiß auch nicht wer du bist, aber wenn du mich kennen lernen willst können wir das einrichten." Der drohende Unterton seiner Stimme wurde fester. "Ich weiß, dass deine 'Herrschaft' ein Mädchen und zwei Männer sucht und dafür irgendeinen Firlefanz über Diebe und Kerzenhalter erfunden habe und die Wache bestochen haben. Du hast genau eine Chance mir zu sagen was du hier machst und wo das Mädchen ist oder du wirst bis ans Ende deiner Tage bereuen, dass du heute das Bett verlassen hast!" Leif legte seine Hand an einen der Dolche, die er bei sich führte und ließ den Mann nicht aus den Augen.
Der Wirt erschien just in diesem Moment und stellte den Humpen auf den Tisch. Ohne langes Zögern reichte der dunkelhaarige Mann ihm eine Münze und gab ihm mit einem Winken der Hand zu verstehen, dass er sich entfernen sollte. Der Wirt gehorchte. Sein Gegenüber schüttelte irritiert den Kopf. „Frederik ist alles in Ordnung? Geht es dir gut? Ich bin Nathan, der beste Freund von deinem vor 30 Jahren verstorbenen Bruder Christian, Gott hab ihn selig. Nimm die Hand von deinem Messer! Das wirkt in einer Gaststube wie dieser bedrohlich.“ Er verengte etwas misstrauisch seine Augen. „Willst du mir erklären, was du mit der Herrschaft zu tun hast?“
"Noch einmal für dich und alle anderen, die nicht mithören wollen. ich bin nicht Frederik. Ich bin aus einem anderen Teil der Familie, ein schwarzes Schaf, wenn du es genau wissen willst." Leif zog den Dolch und legte ihn auf den Tisch so dass der Mann ihn sehen konnte. "Du!" Er nahm den Dolch wieder auf und hielt ihn mit der Schneide zuerst in dessen Richtung. "Du sollst hier jemanden in Empfang nehmen. Für deine Herrschaft oder leugnest du das?"
Diesmal blieb dem Mann der Mund offen stehen vor Erstaunen. Seine Stimme war leise und ungläubig „Du hast die drei Narben am Ohr, die Christian dir damals beim Bogenschießen aus Versehen zugefügt hat. Soll das ein Witz sein?“ Er lehnte sich nach hinten, diesmal deutlich feindlicher und fixierte sein Gegenüber misstrauisch. Seine Gedanken waren eindeutig: Er fragte, wie weit es in dieser Nacht um den Geisteszustand von Frederik van de Burse bestellt war. Dann entschloss er sich aber dennoch dazu zu antworten. „Ich habe, das ist korrekt, für die Herrin drei junge Leute nach Burg Flussfall eskortieren lassen sollen. Das ist richtig.“
Leif sprang ohne Vorwarnung über den Tisch und packte den Mann am Kragen. "Sind die Leute bereits auf dem Weg nach Flussfall? Es interessiert mich nicht ob du mich für Frederik van de Burse hältst. Also sprich endlich!"
Nathan sah ihn weiterhin scharf an. Sein Ton war eisig. „Im Namen unserer damaligen Freundschaft, Frederik, nimmst du die Hand von meinem Kragen bevor noch jemand die Wirtsstube betritt und dich und mich so sieht! Das wäre eine Schande für deine und meine Familie.“ Er wartete einen Moment ab. „Ja, die Wachmänner der Ducrease sind schon auf dem Weg nach Flussfall. Allerdings ist es ihnen, wie mir einer von ihnen mitgeteilt hat, nur gelungen das Mädchen fest zu setzen. Der blonde Junge von dem die Rede war, war nicht dabei und der braunhaarige hat sich angeblich gewehrt wie ein Krieger. Tapferer Kerl. Kann stolz auf sich sein. Hör zu! Ich weiß nicht, was du mit den Leuten zu schaffen hast, aber vielleicht erklärst du’s mir einfach und dann erklär ich dir die Dinge, die ich dir mitteilen kann so lange du mir dein Wort gibst, die Klappe zu halten. Ich hab‘ keine Lust, dass unser Gespräch hier an die Öffentlichkeit gelangt und du sicher auch nicht!“

Leif ließ ihn nicht los. "Das Mädchen ist eine entfernte Verwandte. Sie war noch nie in Brügge oder Flussfall. Irgendwer hat eine Anklage gegen sie erhob wegen gestohlenem Schmuck, was totaler Schwachsinn ist. Ich will wissen, was deine Herrschaft von ihr und ihren Begleitern will! Es geht um Leben und Tod. Also sag mir was du weißt. Das ist deine letzte Chance."
Nathan sah ihn noch einmal mit vor Erstaunen geweiteten Augen an. Leif konnte fast greifbar seine Gedanken erfassen: Was auch immer sein wahnsinniges Gegenüber für ein Spiel spielte, er würde ihn nicht weiter provozieren. „Das Mädchen wird wahrscheinlich in eines der abschließbaren Frauenzimmer gebracht. Die befinden sich im Westflügel, aber das weißt du ja von deinem letzten Besuch bei den Ducrease. Jonarta wird sich wohl später mit ihr beschäftigen. Schließlich ist heute die Nacht von Gründonnerstag und nach einem Abendmahl mit einigen Besuchern werden ihr Gemahl und sie bei dem Karfreitagsgottesdienst um Mitternacht teilnehmen.“ Seine Worte waren gepresst. „Willst du sonst noch etwas wissen, Frederik?“
Leif überlegte kurz. "Wer ist Jonarta eigentlich und wer ist ihr Ehemann?"
Der Mann presste die Lippen aufeinander. „Jonarta ist eine Edelfrau aus dem Hause Carr aus Deutschland, seit einigen Wochen verheiratet mit unserem Herrn Christophe Ducrease.“ Leif wusste, dass Christophe nach dem Tod seines Vaters Sorve die Geschicke des Adelshauses in seine Hände genommen hatte und dabei durchwegs Kompetenz und Weitblick an den Tag gelegt hatte. Der junge Mann war wohl Ende 20, bei seinen Freunden, darunter auch den ‚Bastard‘ Balduin und Burkhard von Avesnes, beliebt und immer gern gesehen. Er konnte ihm ansehen, dass Nathan unter anderen Umständen wahrscheinlich mehr erzählt hätte, sich jetzt jedoch nur auf das wesentliche beschränkte.
"Danke Nathan." Er schaute den Mann an und lächelte ihn aufmunternd zu. "Übrigens tut es mir leid, aber ich muss es dir noch einmal sagen. Ich bin nicht Frederik, denn er würde das, was jetzt folgt bestimmt nicht tun." Leif verbrannte Blut in seinem System um seine Muskeln schneller reagieren zu lassen. Dann packte er Nathan mit einem schnellen Manöver. Er versenkte seine Fänge im Hals des dunkelhaarigen Mannes. Fünf Herzschläge, länger würde es nicht dauern dann wäre Nathan tot. Etwas in Leif schrie auf als den Mann tötete, verstummte aber sogleich wieder. Er wünschte er wäre ein besserer Mann als das, aber er konnte sich einfach nicht aus seinem Schatten erheben. Nathan wusste zu viel und sollte er zu den falschen Leuten sprechen, dann würde er das bisschen Vertrauen das Alida in ihn gewonnen hatte sofort wieder verschwinden, von Frederik ganz zu schweigen. Vielleicht hätte es einen anderen Weg gegeben, aber dafür war es zu spät und tief in sich wusste er, dass er mehr als nur diesen Mann opfern würde um Thyra zurück zu bringen. Nicht weil er sonderlich an ihr hing, oder weil er das Gefühl hatte in ihrer Schuld zu stehen. Nein er wollte nicht sehen das Brunhild ihrer Tochter auf diesem Weg verlor - nicht noch einmal.
Noch während er am Hals des Mannes hing hörte er eine Stimme hinter sich. Es war die des Wirts. „Verdammt. Bei allen Heiligen! Was macht ihr denn da? Isolde! Hol die Wachen!“ Sein Rufen war laut.
Leif versuchte sich von der süßen Vitae loszureißen und fixierte den Wirt kampfbereit. Der Mann sah, was Leif vorhatte und rannte davon.
Der Salubri kämpfte sich hinter dem Tisch hervor, folgte ihm auf dem Fuße und hatte den Mann schon nach wenigen Schritten eingeholt. Er packte ihn, warf ihn um, rang mit ihm und vergrub seine Zähne in seinem Hals. Er genoß das wunderbare Gefühl, wie das dicke, rote, würzige Blut seine Kehle hinabrann und ihn stärkte, während über ihm im ersten Stock eine panische weibliche Stimme kreischte und kreischte. Die Frau des Wirts musste wohl an einem der Fenster stehen und ihre Angst mit dem Ruf nach der Brügger Wachmannschaft in die Nacht schreien. Leif suchte nach seinen heilerischen Kräften und deren Wissen und fand die Gaben seines Blutes. Er erkannte, dass Nathan tot war. Beim Wirt versagten seine Gaben, wahrscheinlich wegen dem Gekreisch, das ihn ablenkte. Er tastete nach dem Pulsschlag und spürte keine Regung mehr. Zur Sicherheit bohrte er ihm noch einmal die Klinge durch das tote Herz. Leif wägte seine Möglichkeiten ab. Er konnte vermummt durch die Tür nach draußen fliehen, wahrscheinlich unter den Augen einiger neugieriger Nachbarn, oder die Wirtsfrau dazu bringen für immer zu schweigen. Vielleicht hatte der Wirt ihn erkannt und seiner Frau berichtet. Er entschied sich dazu das Risiko nicht einzugehen und schritt mit dem Schwert Richtung Treppe nach oben. Vielleicht gab es sogar eine Möglichkeit über die Dächer zu fliehen falls er den Weg aufs Dachen finden konnte.
Es war nicht schwierig die Wirtsfrau auszumachen. Nachdem er die hölzernen Stufen hochgeschritten war, führte ihr panisches Rufen direkt nach rechts zur Straßenfront. Am Ende des Ganges lag ein Zimmer, dessen Klinke er mühelos nach unten drücken konnte. Allerdings gelang es ihm nicht ohne weiteres die Tür zu öffnen. Die Frau musste einen Schrank oder Tisch davorgeschoben haben. Ihr Kreischen nahm noch an Panik zu. „Hilfe! Er kommt mich holen! Er will hier ins Zimmer. Oh mein Gott.“
Eines war Leif klar. Wenn er in dieses Zimmer eindrang könnte die Frau ihn sehen und eventuell dennoch entkommen. Ein Risiko, dass er nicht einzugehen bereit war.
Selbst wenn der Wirt ihr erzählt hätte, dass Frederik van de Burse zu Gast wäre, war das nicht damit gleich zu setzen, dass er der Täter war. Und Erinnerungen ließen sich zur Not ändern…
Der Salubri schüttelte für eine Sekunde den Kopf, nahm die Hand vom Türgriff und rannte in die entgegengesetzte Richtung. Am anderen Ende des Flures war ein Fenster durch das er hinaus spähte. Unter ihm lag ein Hinterhof mit einem etwas windschiefen Schuppen und einem Abort für die Gäste. Nirgends war eine Menschenseele zu erblicken. Direkt daneben sah Leif das Wasser eines Brügger Kanals dunkel fließen. Keine einzige Fackel spiegelte sich auf der schwarzen Oberfläche. Es wäre ein leichtes durch den Kanal zu fliehen und auf der anderen Seite in einer der einsamen Nebengassen zu verschwinden. Aufgrund des noch immer regnerischen Wetters würde auch kein Passant auf ihn aufmerksam werden, wenn er nass bis auf die Knochen durch die Straßen wandern würde.
Leif hangelte sich aus dem Fenster, sprang mit etwas Mühe so leise wie nur möglich auf das Dach des Schuppens und ließ sich neben dem Abort nieder. Er verschmolz schließlich mit der Dunkelheit der Nacht wie der Dämon bei Sonnenaufgang mit dem Schatten seines Urahnen. Leif ließ im Moment keine Gedanken zu, die ihn in irgendeiner Form ablenken konnten. Eines jedoch musste er noch vollbringen: Er sammelte seine verbliebenen Kräfte und stellte sein Gesicht und sein restliches Äußeres wieder her.
Leif erinnerte sich schließlich, dass Brunhild sich noch einmal mit ihm in der Schmiede treffen wollte und an die Tatsache, dass er Karl noch einmal untersuchen wollte. Ein paar Stunden mehr oder weniger würden keinen Unterschied machen und ein paar trockene Sachen würden am Ende auch nicht schaden. Leif betete trotzdem, dass diese Nacht irgendwann ein Ende haben würde. Alles bewegte sich, gekrönt von einem Dämon nach und nach in Richtung der sprichwörtlichen Hölle der Christen. Dabei hatte alles so wunderbar ruhig angefangen. Mit schmatzenden Schritten ging der Salubri zur Schmiede. Wenigstens regnete es.
Das Wetter hatte die letzten Passanten aus den Straßen vertreiben und ohne Umschweife oder von irgendjemand bemerkt zu werden gelangte Leif bei der Schmiede an. Er musste einige Minuten nach seiner Familie suchen und fand sie schließlich in Karls Zimmer, dass noch immer von unzähligen Kerzen beleuchtet wurde. Es waren ein paar neue aufgestellt worden, aber die Anzahl hatte deutlich abgenommen. Erik kauerte noch immer in der Mitte des Raumes und Leif war sich sehr wohl bewusst, warum: ein einziger Schatten vermochte dem Dämon dabei helfen eine Verbindung zur Dunkelheit der Nacht herzustellen und schließlich frei zu wüten.
Beim Anblick des ihm fremden und doch von Bildern so vertrauten Gesichts sprang er reflexartig auf, die Hand fuhr zum Schwert, doch er riss sich zusammen und verharrte mitten in der Bewegung. Seine Augen weiteten sich vor Irritation, dann schüttelte er ungläubig den Kopf. Seine melodische Stimme war leise. „Auch wenn ich das hier wohl nicht wirklich verstehe, habe ich es mir irgendwie gedacht…“
"Du hast es doch sicherlich schon geahnt Erik. Zumindest hast du etwas gespürt, so viel war mir von Anfang klar." Leif suchte den Blick des jungen Mannes. "Es liegt ganz alleine an dir was du jetzt tun willst, aber mein Vorschlag wäre, das Gespräch, deinen Wunsch nach Rache oder alles dazwischen liegt im Moment hinten anzustellen. Ich laufe dir bestimmt nicht weg, aber was deine Zukunft angeht, die deiner Schwester und allem was mit Jonarta zu tun hat, würde ich eine solch kühne Aussage nicht unbedingt treffen." Leif war sich bewusst wie unbefriedigend seine Worte klingen mussten und dass der Moment der Offenbarung schlecht gewählt war, aber so war es nun einmal leider.
Erik nickte zu Leifs Worten und er schluckte diejenigen hinunter, die ihm noch auf der Zunge gelegen hatten. „Du hast… Ihr habt alles, was ich getan habe von der ersten Sekunde an vehement kritisiert. Zu Beginn dachte ich, das läge daran, dass ihr einfach keine Ahnung habt und euch in Dinge einmischen wolltet, die euch in keinster Weise etwas angehen: … die Belange unserer Familie. Irgendwann habe ich begriffen, dass Ihr mehr über die ganze Sache versteht als irgendjemand sonst, mehr als ich selbst , und jetzt weiß ich schließlich woran das liegt.“ Er seufzte und senkte niedergeschlagen den Blick. „Ich war bereit einen Handel mit einem Dämon einzugehen, wäre bereit mich selbst in Hels Reich zu stürzen um diesen Fluch, der unsere Familie dazu bringt sich selbst zu zerstören zu beenden… Aber das alles spielt keine Rolle mehr, schätze ich…“ Seine Finger legten sich auf das blanke kalte Schwert, das seine Mutter geschmiedet hatte und er sah langsam zu Brunhild, Karl und dann wieder zu Leif. „Wenn es mir tatsächlich gelänge euch zu vernichten, damit den Ältesten der Kinder des Vidarr gefällig wäre, versuchen würde, meine Familie zu retten: ich würde damit unwiderruflich eine andere Familie zerstören.“
Leif zuckte nur mit den Schultern. Es geschah nicht aus Gleichgültigkeit ob der gesagten Worte, sondern ehr aus der Tatsache das er dem Ganzen nur noch wenig hinzufügen konnte. “Eine Sache ist wahr. Auf jede Aktion erfolgt eine Reaktion ob wir wollen oder nicht und wir müssen dann mit den Folgen leben. Das eigentliche frustrierende ist aber wenn ich aus eigener Erfahrung sprech, dass so selten wirklich das Schicksal und die Nornen hinter allem stecken. Manchmal gibt es einfach keinen Sinn und vor allem auch keine Gerechtigkeit." Leif brach den Blickkontakt noch nicht ab. "Aber das gilt für meine Tat, genauso wie für die Entscheidung deiner...unserer Familie sich selbst zu vernichten. Dieses Gespräch ist nicht beendet sondern nur vertagt, aber im Moment sollten wir die die tot sind ruhen lassen und dafür sorgen, dass es nicht noch mehr werden."
Eriks Augen verengten sich fragend. „Warum tut ihr das? Für Brunhild?“
"Was genau meinst du Erik? Das ich versuchen will deine Schwester zu retten?" Leif unterstrich seine Frage mit einer Geste, indem er beide Hände hob bei der beide Handteller nach außen zeigten.
„Ja. Du riskierst hier alles für ein Mädchen, das du nicht einmal kennst, das dich nicht kennt und dir so wie du jetzt aussiehst bei der erstbesten Gelegenheit wahrscheinlich einen Dolch ins Herz jagt oder dir mit weit Schlimmerem zu Leibe rückt…“ Er sog die Luft ein. „Und ich schätze, du willst den Schatten so bald als möglich aus deiner derzeitigen Heimatstadt los werden.“ Man sah ihm an, dass er diese Möglichkeit beim näheren drüber nachdenken für wahrscheinlicher hielt. Warum sollte jemand, der von einer Familie bis auf den Tod gejagt wurde, sich exakt für ein Mitglied von dieser einsetzen?
Der Salubri schüttelte den Kopf und lächelte schwach. "Wenn ich den Schatten einfach aus Brügge entfernen wollen würde, dann hätte ich dir bei unserer ersten Begegnung einen Dolch ins Herz gerammt." Leif verschränkte die Arme hinter dem Rücken, so als müsste er klar machen, dass er nicht genau das plötzlich machen würde. "Es geht um Brunhild ja. Sie hat so viel aufgegeben um ihre Freiheit von all dem Wahnsinn zu erhalten. Aber es geht auch darum zu tun, was ich als richtig empfinde." Der letzte Satz enthielt einiges was ungesagt blieb, dass würde Erik sofort klar werden. Allerdings schien dies, weniger aus Unwillen sondern ehr aus einer Unfähigkeit die korrespondierenden Gedanken in Worte zu fassen herzurühren.
Erik schwieg. Brunhild machte sich daran Karl einen Verband anzulegen. Der Schnitt war tief aber glatt. Leif war klar, dass er gut verheilen konnte, aber um größeren Blutverlust, Infektionen oder spätere Bewegungseinschränkungen zu vermeiden wäre es am sinnvollsten den Muskel zu adaptieren und die Wunde zu nähen.
Noch bevor Leif sich umzog oder etwas sagte machte er sich daran Karls Wunde zu versorgen und zu verbinden. Er verzichtete darauf den Jungen mit der Hilfe von Valeren zu heilen, denn er wusste nicht wie viel Blut er noch brauchen würde. Abgesehen davon wäre eine sauber verheilende Wunde und die daraus resultierende Narbe sicherlich kein schlechter Schmuck für einen Krieger der ernst genommen werden wollte. Sollte irgendetwas schiefgehen, könnte er immer noch mit seiner Disziplin eingreifen. Noch während er die letzten Handgriffe tätigte räusperte er sich. “Ich weiß wo Thyra ist. Sie haben sie nach Flussfall, dem lokalen Anwesen einer Adelsfamilie gebracht. Die gute Jonarta ist die Frau des aktuellen Oberhauptes, ich vermute sie will ihren Schatten zurück. Sie war es, die die den Auftrag gab die Wachen zu bestechen und euch zu entführen.” Leif schaute kurz zu Erik. “Ich glaube nicht, dass man ihr etwas getan hat. Sie werden versuchen sie als Druckmittel zu benutzen um das zu bekommen was sie wollen. Zumindest würde ich das so machen.” Schließlich erhob sich Leif wieder und achtete sorgsam darauf mit seiner nassen Kleidung keine der Kerzen zu löschen. “Ich werde mich umziehen und nach Flussfall aufbrechen. Ist hier sonst noch etwas passiert das ich wissen sollte?”
Erik war rasch aufgestanden. Er ballte die Hände zu Fäusten und wieder wanderte sein Blick über die Flammen als würde er am liebsten hinüber springen. Leif erkannte an seinem Blick, dass der Junge sich zusammen reißen musste um weiterhin untätig in dieser Kammer zu sitzen. Die Angst um seine Schwester war ihm deutlich anzusehen. „Jonarta also.“ Beim Aussprechen des Namens hätte Erik wohl am liebsten ausgespuckt. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich je wieder etwas von ihr hören würde… Ich habe selten eine so boshafte Frau getroffen.“ Er sah den Salubri fest an. „Leif? Bevor du aufbrichst sollten wir uns einen Plan überlegen. Ich weiß nicht, wo sie jetzt steckt, welche Position sie einnimmt, aber ich kann mir vorstellen, dass sie über eine Menge Einfluss verfügt. Auch wenn du Thyra dort raus bekommst, kann sie nach wie vor agieren und uns oder auch nur Brunhild das Leben zur Hölle machen.“ Er atmete tief ein und ließ sich wieder im Schneidersitz auf dem Holzboden nieder. Brunhild und der erschöpfte Karl taten es ihm gleich. Eine Minute um einen Plan zu machen hätten sie sicherlich. Erik ließ sich Zeit bevor er weiter sprach. „Ich könnte mein Schwert hier darauf verwetten, dass sie über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügt. Sonst hätte der Dämon sie nie als ‚Wirt‘ ausgewählt.“
"Dann können wir ja froh sein, dass auch wir über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügen." Leif wurde trotzdem ein wenig nachdenklicher und legte Daumen und Zeigefinger an sein Kinn. Er dachte nach. "Aber du hast Recht wir sollten uns vorsehen. Unser Vorteil ist, dass auch sie nicht machen kann was sie will. Die Inquisition steht nach wie vor den Türen und die Gräfin Johanna verurteilt Unruhen in ihrer Grafschaft auf das schärfste. Ich mache mir zwar keine Illusionen über den weitreichenden Einfluss und die Ressourcen einer Adelsfamilie aber ein paar Verbündete haben auch wir hier die für Jonarta unangenehm werden könnten." Leif trug noch immer seine nasse Kleidung die den Boden volltropfte und begann Waffen und kleine Fläschchen mit fragwürdigem Inhalt auf dem Küchentisch zu platzieren. "Trotzdem sollten wir Thyra da rausholen. Sonst hat sie immer einen Vorteil bezüglich der Verhandlungen. Alles weitere sollten wir mit ihr besprechen. Vielleicht können wir ihr ja etwas anbieten das ihr besser gefällt als der Wirt für einen Dämon zu sein. Wenn Sie auch nur halb so verschlagen ist wie du sagst wird sie immer versuchen ihren eigenen Vorteil zu vergrößern." Dann nahm Leif eines der Fläschchen entkorkte es und roch daran. "Sollte sie sich nach wie vor nicht kooperativ zeigen, könnte man immer noch versuchen sie aus dem Weg zu räumen. Verdient hätte sie es." Leif schaute nach und nach alle an. "Also mein Vorschlag wäre es Thyra zu befreien und dann mit Jonarta zu verhandeln. Sollte das nicht gelingen können wir auch gleich verhandeln, immerhin haben wir auch etwas was sie will."
Erik nickte zu Leifs Vorschlägen, sah dann zu Brunhild und Karl bis sein Blick wieder bei Leif hängen blieb. „Welche Fähigkeiten haben wir um uns ihr entgegen stellen zu können? Eines weiß ich von ihr. Sie ist absolut skrupellos, maßlos von sich selbst eingenommen und bereit für ihre Pläne alles, wirklich alles zu opfern. Wen auch immer sie zum Mann genommen hat, er fällt mit Sicherheit als erstes, wenn er ihr im Weg steht.“

"Schwert und Schild haben wir vor allem aufzubieten, dazu vielleicht noch eine Portion Verstand, aber ich kann euch dreien nicht erlauben mit mir zu kommen. Karl ist verletzt, den Schatten können wir nicht entkommen lassen und irgendjemand der nicht so eingeschränkt ist muss auf alles aufpassen." Leif nickte Karl und Erik zu. "Je mehr Leute nach Flussfall gehen, desto mehr geben wir Jonarta in die Hand. Wir würden ihr damit sogar helfen und das wäre der dümmste Fehler, den wir machen können."
Erik nickte. „Der Schatten wäre in der Lage jeden einzelnen, der uns im Weg steht, zu besiegen. Aber er ist eine mächtige Bestie, die stets nach mehr giert. Und sie ist schwer zu kontrollieren. Aber da dieser Schatten definitiv, das weiß ich ja nun…“ Er grinste schief. „… nicht derjenige unseres dämonischen Urahns ist, würde ich ihn nur zu gern loswerden. Ein für alle Mal…“ Ein zweideutiges Lächeln legte sich auf seine Züge, das sich in fast so etwas wie Bosheit wandelte. Er sah zu Leif. „Und wenn Jonarta den Dämon unbedingt haben möchte: … soll sie ihn doch kriegen! Denkst du nicht?“
"Das denke ich in der Tat." Leif nickte. "Aber ich würde ihn ihr ungerne einfach so bringen. In ihrer Festung verfügt sie über unbegrenzte Ressourcen und könnte sich einfach nehmen was sie will. All das muss zu unseren Bedingungen ablaufen."
„Du hast recht. In ihrer Festung würde alles überwiegend zu ihren Bedingungen ablaufen. Sie hat dort vermeintliche Verbündete. Wobei... so wie ich sie erlebt habe kann ich mir nicht vorstellen, dass sie ihre Leute mit etwas anderem als Furcht und Manipulation an ihrer Seite hält. Wir haben den Vorteil, dass Jonarta keine Ahnung davon hat, zu was wir in der Lage sind. Von mir weiß sie nur, dass ich in der Lage bin dem Dämon zu wiederstehen. Aber ansonsten weiß sie nichts.“ Er fuhr nachdenklich mit dem Zeigefinger an die Schläfe. „Ich schätze der Dämon ist nur dann verwundbar, wenn man die Person schädigt, mit der er sich verbunden hat. Er selbst ist gebunden an den Schatten dieser Person und getrieben davon diejenigen zu vernichten, die seinem Wirt gefährlich werden könnten. Er ist nicht in der Lage etwas anderes zu tun als all seine Bestrebungen genau auf dieses eine Ziel auszurichten.“
Leif nickte und ließ sich die Informationen durch den Kopf gehen. Das alles war wertvoll und wichtig um ein weiteres Vorgehen zu planen. Schließlich sah er wieder Erik an. "Was genau kannst du denn Erik? Ich meine außer der Tatsache, dass du dich Dämon zur Wehr setzen kannst, was natürlich an sich schon beeindruckend genug ist. Wir sollten alles berücksichten bevor wir uns eine Strategie zurechtlegen."
„Meine Mutter, das weißt du sicherlich, ist eine Meisterin im Umgang mit dem Feuer. Ich bin in der Lage manche Dinge zu spüren, wahr und falsch zu unterscheiden… Emotionen oder das Wesen eines Menschen, wenn ihr so wollt.“ Interessant, dachte sich Leif im Stillen. Eine nützliche Fertigkeit. Erik sah zu Karl. „Willst du wissen, was es ist, das dich auszeichnet? Es ist zwar keine übersinnliche Kraft, aber fast genauso mächtig“ Der braunhaarige junge Mann hielt sich noch immer den verwundeten Arm und sah zweifelnd zu Leif.

Karls Blick quittierte Leif nur mit einem Schulterzucken, im Sinne von: Was soll schon passieren?
Erik atmete tief ein bevor er fortfuhr. „Dein Schicksal ist noch nicht geschrieben. Es ist weitgreifend, wichtig. Ich habe keine Ahnung, was es ist, aber so lange du es nicht erfüllt hast, wird dich niemand töten können. Allerdings weiß ich auch nicht, wann dieser Zeitpunkt eintreten wird und was du tun wirst.“
Leif schluckte und sein Innerstes wurde eisig, so als hätte gerade jemand einen Eimer Schnee darin ausgeschüttet. Er räusperte sich und zog die Aufmerksamkeit auf sich, bevor Karl auf das, was gerade gesagt wurde reagieren konnte. “Aber was dieses Schicksal ist kann niemand erahnen, aber es mag sich zu einem Zeitpunkt erfüllen an dem du es am wenigsten erwartest. Denkt an das Schicksal des Gottes Balder.” Leif hatte irgendwie das Gefühl, dass es nicht an der Zeit war Religion und Glauben zu diskutieren, aber er war nach wie vor ein Priester und er spürte das er die Geschichte erzählen musste, etwas tief in ihm verlangte das. “Der von allen geliebte Gott Balder, Herr des Lichts, hatte eines Tages einen Traum von seinem eigenen Tod, worauf seine Mutter Frigg zu jedem Tier und zu jeder Pflanze geht und sie auffordert, einen Eid abzulegen, dass sie ihren Sohn nicht verletzen werden. Nur der junge Mistelzweig scheint Frigg zu unbedeutend zu sein, als dass sie von ihm einen Eid abnehmen sollte. Es kommt zu einem Spiel der Asen, bei welchem sie den nunmehr unverwundbaren Balder mit Speeren, Steinen und anderen Waffen beschießen, ohne dass Balder etwas geschieht. Loki, der Trickser, nutzt es aus, dass die Mistel keinen Eid abzulegen brauchte, und gibt Balders blindem Bruder Hödur einen Mistelzweig und bedeutet ihm, damit zu schießen. Der Zweig trifft Balder, und der Gott sinkt tot zusammen .So war der unbesiegbare, unverwundbare und unsterbliche Gott der Erste der das bittere Los der Sterblichkeit erfahren musste und den anderen Göttern zeigte, dass vielleicht auch sie nicht ewig waren..” Leif verstummte kurz und ließ seine Worte nachwirken und sprach dann den braunhaarigen Ritter direkt an. ”Dein Schicksal mag noch ungeschrieben sein und dich schützen Karl, aber sei nicht unachtsam, oder hochmütig denn eine solche Einstellung bringt nichts als Kummer, selbst für Götter.”

Karl biss etwas krampfhaft die Lippen aufeinander. „Ich halt eine Menge auf dich, Erik. Und ich hab im Laufe des Tages gelernt, dass du um einiges mehr mitbekommst als andere.“ Was genau zu der Zeit während Leif geschlafen hatte, geschehen war, ließ er dabei außen vor. Er zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Aber ich geb‘ nichts auf Prophezeiungen. Auch nicht wenn sie von einem guten Freund oder Brunhild oder Leif selbst kommen mögen. Ich mach mir mein Schicksal selbst. Jeden einzelnen Tag.“ Er grinste in Leifs Richtung. „Und ganz sicher setz‘ ich nicht mein Leben auf irgendwelche weissagenden Worte.“ Er deutete mit dem Kinn auf seinen Arm. „Solche kleinen Kostproben meiner Sterblichkeit sind mir genug.“
Auch Erik nickte. Auch wenn Karl ihm widersprochen hatte, schien es, als hätte er mit nichts Anderem gerechnet. „Leif? Über welche Fähigkeit verfügst.. verfügt ihr außer einer ungezählten Anzahl an Lebensjahren. Fällt euch etwas ein, dass uns im Kampf gegen einen Dämon und eine wahnsinnige Gräfin helfen könnte?“